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„Das letzte Land“ von Svenja Leiber

42414_Leiber.Im ersten Augenblick könnte man meinen, man hat es mit einer Neuauflage von „Schlafes Bruder“ zu tun. Ein Dorf, ein Junge und sein grandioses musikalisches Talent – das ist der Stoff, mit dem Svenja Leiber ihren dritten Roman „Das letzte Land“ vom Stapel lässt. Ruven Preuk heißt der Wunderknabe, der an einem heißen Augusttag 1911 wie angewurzelt auf dem Feld steht und den „Takt zählt, den das Licht und die Pappeln ihm schlagen“. In kurzer, einfallsreicher Syntax treibt Leiber die Handlung voran. Ruven, der fürs bäuerlich-brachiale Leben, das Leiber bis ins Absonderliche zu gestalten versteht, nicht taugt. Ruven, der behutsam die Geige führt, wie seit hundert Jahren keiner vor ihm. Ruven, den die Pubertät packt. Ruven, der heiratet und aus der norddeutschen Einöde nach Hamburg fortzieht, wo er konzertiert, großen Erfolg hat.

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Mitten in dieses Aufleben des Talents kracht der Zweite Weltkrieg. Stille. Schwarze Uniformen. Angst. Tod. „Sechs Jahre Abfackelei.“ Und mittendrin Ruven, der die Geige tauscht gegen eine Waffe. Derweil gerät Lene, seine Frau, die zwei Juden versteckt hält, in den Focus eines alten Bekannten, Fritz Dordel, der inzwischen für die Gestapo arbeitet und Lene schwängert. Als Ruven heimkehrt, ist sie tot. Die ganze Szenerie hat etwas seltsam Verklärtes, wirkt wie ein Opiat. Überhaupt ist das Leibers Meisterschaft. Das atmosphärische Ausgestalten und Verdichten. Dazu die Sprache, die manchmal eigentümlich altmodisch daherkommt. Die Geschichte endet in dem Geburtsjahr der Autorin: 1975. Ob sie für einen Entwicklungsroman reicht, bleibt zweifelhaft. Wie auch die musikalische Begabung Ruvens. Eigentlich verharrt Svenja Leiber dabei im Modus der Behauptung. Sie zum Aufklingen, zum Erklingen gar zu bringen, das gelingt ihr nicht wirklich.

Text: Andreas Burkhardt

tip-Bewertung: Annehmba

Svenja Leiber: „Das letzte Land“ Suhrkamp. 307 Seiten, 19,95 Ђ

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