Bücher

Das wahre Ich

hornby

Was geht wohl in Nick Hornby vor? Immer düsterer werden seine Romane, zuletzt schrieb er über erfolglose Selbstmordversuche („A long way down“) und Teenagerschwangerschaften („Slam“). In seinem neuen Werk „Juliet, naked“ erzählt er wieder eine traurige Geschichte: die vom gealterten Rockstar Tucker Crowe, dessen Welt sich nur noch um Stress mit den Ex-Frauen, um Ausweispapiere, Elternsprechtage und Versicherungsansprüche dreht. Also um eine Menge Papierkram. Und der mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus landet. Wenig besser ergeht es den zwei anderen Hauptfiguren: Tuckers größter Verehrer Duncan, der über das Internet jedes Detail über den seit mehr als 20 Jahren verschollenen Einsiedler erforscht, entfremdet sich durch seine Musikleidenschaft von seiner Freundin, dem Mauerblümchen Annie (das ewige Hornby-Motiv, Männer als Fan, Frauen als Realisten, es nutzt sich aber auch nie ab). Als ausgerechnet Annie durch ihre ins Internet gestellte vernichtende Plattenkritik Kontakt zum Rockstar aufnehmen kann, werden die Karten neu gemischt. Hornby hat eine böse Satire auf die Welt der Internetfans geschrieben. Eine Welt der Verschwörungstheoretiker, die auch noch das verschwommenste Bild und die schlechteste Aufnahme auf Wahrheitsgehalte abklopfen, und die sich selbst vor dem Sex noch bei Wikipedia schlau lesen, ob er unter gegebenen Umständen sinnvoll ist. Während Duncan in seiner Welt gefangen bleibt (und sich aus dem Roman nahezu verabschiedet), stellen sich in der sanft erblühenden Beziehung zwischen Annie und Tucker Fragen: Welcher Mensch verbirgt sich hinter dem Image? Will ich ihn überhaupt als Menschen sehen? Hornby beantwortet sie nicht, aber seine Figuren treffen endlich wieder Entscheidungen.
 
Nick Hornby, „Juliet, Naked“, Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 19,95 Euro    

Mehr über Cookies erfahren