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David Bezmozgis: „Die freie Welt“

1980 landete der sechsjährige jüdische Junge aus Riga mit seinen Eltern im kanadischen Toronto. Doch David Bezmozgis konnte der schwierigen Konfrontation mit der Fremde später Positives abgewinnen. In den autobiografischen Erzählungen „Natascha“ (2005) lesen wir: „1993 waren wir als russische Juden, Neu-Immigranten und politische Flüchtlinge noch ein Thema. Wir hatten eine gute PR.“

Bezmozgis’ erster Roman nun behandelt eine andere Diaspora-Existenz. 1978: Schon die Eröffnungsszene am Wiener Südbahnhof enthält alles, was die nächsten 350 Seiten kennzeichnet: Tempo, Wortwitz, Dramatik. Oberhaupt der achtköpfigen Familie Krasnansky aus Lettland, die mit Ach und Krach all ihre Koffer in den Zug nach Italien verfrachtet, ist der 65-jährige Samuel – ein Veteran der Roten Armee, der sich dem Wunsch seiner Frau Emma unterworfen hat, die es unter den Sowjets nicht mehr aushielt. Durch die Lockungen der kapitalistischen Welt treten bei ihren beiden Söhnen schnell deren unterschiedlichen Charakterzüge zutage: Den Lebemann Alec locken Frauen und Pornofilme, den Geschäftemacher Karl der Schwarzmarkt. Da der Familienrat die künftige Heimat ausführlichst diskutiert – Amerika, Australien, Kanada, Israel? – harrt man den 78er-Sommer über im heißen, wuseligen Rom mit anderen in der „freien Welt“ Gestrandeten in „einem Nebel aus Zweifel und banger Erwartung“ aus.
Der 39-jährige David Bezmozgis, der auch Filme („Victoria Day“) dreht, brilliert hier mit einer tollen Mischung aus viel Komik und etwas Tragik. Ein wahrhaft lebenspraller Drei-Generationen-Roman.    

Text: Reinhard Helling
tip-Bewertung: Herausragend

David Bezmozgis: „Die freie Welt“
aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz, Kiepenheuer & Witsch, 350 Seiten, 22,99?Ђ

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