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David Mitchell: „Number 9 Dream“

tokioDie raffinierte Konstruktion seiner Romane macht David Mitchell zu einem Ausnahmetalent. Sportlich ausgedrückt: Mit seinen Originalität, intellektuellen Funkenflug, Welthaltigkeit und immer eine Spur Abgedrehtheit bietenden Romanen ist der Brite den Kollegen Thomas Pynchon und Don DeLillo aus den USA dicht auf den Fersen. Außerdem scheint der mit Frau und zwei Kindern im irischen Cork lebende Autor ein Zahlenmagier zu sein. Die Neun hat es dem 42-Jährigen, der lange an der Universität von Hiroshima Englisch unterrichtete, besonders angetan: Sein bei uns 2004 unter dem Titel „Chaos“ erschienenes Debüt „Ghostwritten“ war ein „Roman in neun Teilen“ (Untertitel). Es folgte der nun nachgereichte Tokio-Roman „Number 9 Dream“, benannt nach dem Song „#9 Dream“ von John Lennon aus dem Jahr 1974. Zuletzt gab es nach dem über die Weltmeere rauschenden sensationellen „Wolkenatlas“ 2007 noch den zahlentechnischen Ausrutscher mit „Der dreizehnte Monat“.

In „Number 9 Dream“ nun, im Original 2001 erschienen, sucht Eiji Miyake, ein Träumer von der bergigen und an Naturwundern reichen Insel Yakushima, seinen Vater, den er noch nie gesehen hat. Dazu reist der 19-Jährige mit sehr wenig Geld, aber großen Hoffnungen nach Tokio – in die Neun(!)-Millionen-Stadt. Schon bald steht er dort vor zahlreichen Rätseln und muss sich Cyberpunks aus der Unterwelt und Yakuza-Gangs erwehren. Im Monat vier nach Fukushima liest sich die in diesem verwinkelten Roman enthaltene Prognose für eine ungünstige Entwicklung der Welt – immerhin bereits vor zehn Jahren niedergeschrieben – wie eine hellsichtige Vorhersage, in der die Hauptstadt des Inselstaates von Erdbeben und Überschwemmung bedroht ist.

Alle Lobpreisungen für Mitchell, den das Londoner Literaturmagazin „Granta“ 2003 in den Stand eines Best of Young British Novelists (BoYBN) erhoben hat, sind gerechtfertigt. Aber hierzulande muss man sie immer auch mit dem Namen von Volker Oldenburg verbinden. Der 2007 mit dem undotierten Kurd-Laßwitz-Preis für deutschsprachige Science-Fiction ausgezeichnete Übersetzer hat seit Mitchells Einstieg ins Literaturgeschäft knapp 1.800 Seiten anspruchsvollster Prosa voller Elan und mit Fantasie verdeutscht. So langsam wäre für beide wirklich einmal eine richtig große Auszeichnung fällig.

Text: Reinhard Helling

Foto: basel1/pixelio

tip-Bewertung: Herausragend

David Mitchell: „Number 9 Dreams“, aus dem Amerikanischen von Volker Oldenburg, Rowohlt, 543 Seiten, 24,95 Ђ

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