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David Simon: „Homicide“

szene The_Wire„In diesem Jahr beginnt der Sommer an einem warmen Sonntagabend im Mai, als ein sechzehnjähriger Schüler der Walbrook High School an einem Bauchschuss stirbt. Er hat sich in einen Streit eingemischt, der damit begann, dass sein Freund verprügelt und gezwungen wurde, sein Kirscheis am Stiel im Wert von 15 Cent herzugeben.“ Baltimore im Mai 1988, einer von 234 Mordfällen, festgehalten auf Seite 444 des über 800-seitigen Buches von David Simon. Da war der damals 27-jährige Journalist bereits ein halbes Jahr als Polizeipraktikant beim Morddezernat von Baltimore. Ein Jahr lang hat Simon die Detectives begleitet, zu Tatorten, Schießereien und ins Krankenhaus, er war bei Zeugenbefragungen dabei, er war mit auf Streife, im Gericht und im Obduktionssaal, er hat mit den Polizisten nächtelang in Bars gesoffen. „Homicide“ ist die Dokumentation dieser 365 Tage, erstmals erschienen 1991 auf Englisch und jetzt auch auf Deutsch.

Außerhalb der USA ist David Simon bekannt geworden als Autor der US-Fernsehserie „The Wire“ – von vielen gefeiert als die beste Krimiserie aller Zeiten. Wie „Homicide“ spielt auch „The Wire“, gedreht mehr als zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches, auf den Straßen von Baltimore. Während „The Wire“, allen Lobreden zum Trotz, aufgrund der vielen Personen und Schauplätze eher schwer zugänglich ist, ist es genau das, die vielen Personen und Schauplätze, das „Homicide“ zu einem der spannendsten, schockierendsten und drastischsten Krimibücher überhaupt macht. Nicht allein deshalb, weil die Stadt Baltimore die perfekte Kulisse für einen Krimi abgibt, eine Stadt, die bis heute eine der höchsten Mordraten der USA zu bieten hat. Es ist die Erzählhaltung und Sprache des Autors, die die Doku derart bemerkenswert macht: Nüchtern und sachlich schildert Simon ein Umfeld, in dem es normal ist, dass einer einen anderen wegen eines Eis umbringt. Ohne übermäßig zu psychologisieren, dokumentiert er den Arbeitsalltag von jenen, die Tag und Nacht damit konfrontiert sind. Manche Fälle treiben die Detectives zur Verzweiflung, für andere haben sie nur ein müdes Achselzucken übrig. Simon schafft es, dass der Leser die Erbarmungslosigkeit auf den Straßen von Baltimore und den wütenden Kampf der Detectives beinahe körperlich spürt.              

Text: Katharina Wagner

Foto: Szene aus „The Wire“ (Quelle: HBO)

tip-Bewertung: Herausragend 1

David Simon: „Homicide. Ein Jahr auf mörderischen Straßen“ Antje Kunstmann Verlag, 832 Seiten, 24,90 Ђ

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