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Debütroman von Olga Grjasnowa

Olga_GrjasnowaDie Stimme einer neuen Generation ist im Nachmittagsgemurmel der Ankerklause schwer zu verstehen. Leise entschuldigt sich Olga Grjasnowa für ein paar Minuten Verspätung und die Tintenspuren an ihren Fingern, die eine defekte Druckerpatrone hinterlassen haben. Die Freude über die Beachtung ihres Buches auf der Leipziger Buchmesse ist ihr noch anzumerken. Die Messe kannte sie zuvor nur aus anderer Per­spektive: Als Studentin am Leipziger Literaturinstitut hat sie bei Veranstaltungen des Rahmenprogramms gekellnert. Das ist noch gar nicht so lange her.
Die Etiketten, die der 27-jährigen Nachwuchsautorin nun für ihr Romandebüt angeheftet werden, scheinen sie hingegen zu verunsichern. Die Stimme einer kosmopolitischen, multiethnischen, hyperagilen Generation soll sie sein, einer Generation, die heimatlos ist und global vernetzt, die durch viele politische Großereignisse seit 9/11 in eine Art „Alarmzustand“ versetzt sei.
„Das ist doch Quatsch“, sagt Olga Grjasnowa und senkt den Blick in Richtung Kaffeetasse. „Jeder hat seine eigene Biografie, einen bestimmten Bildungsstand und eine soziale Herkunft, die entscheidend sind für seine Möglichkeiten und sein Bewusstsein.“ Bereits der Titel ihres Buches „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ wirkt wie eine Parodie auf den Drang zur Pauschalisierung. Die Hauptfigur Mascha Kogan ist geradezu ein Paradebeispiel für die Einzigartigkeit von Lebenszusammenhängen.

Traumatisiert durch Progrome in ihrer Heimat Aserbaidschan findet sie auch in Deutschland keine Ruhe. Bilder von Gewalt mischen sich in ihre Alltagswahrnehmung. Sie ist weiter auf der Flucht, auch vor sich selbst, beherrscht fünf Sprachen, beendet ihr Dolmetscherstudium als Beste ihres Jahrgangs. Als Elias, mit dem sie zusammenlebt, an einer Sportverletzung stirbt, implodiert ihr provisorisch zusammengebasteltes Lebensgefüge. Trauer wird zu Angst wird zu Wut. Die Flucht geht weiter. Diesmal nach Israel, wo sie sich als Arabisch – nicht Hebräisch – sprechende Jüdin mitten im Nahostkonflikt wiederfindet. Doch was sie auch tut, die Erinnerungen an den toten Geliebten und die Gräueltaten in ihrer Heimat wird sie nicht los. Sie flüchtet in neue Liebschaften, zu Männern und Frauen, verharrt in der Fremde, getrieben von der Sehnsucht nach Vertrautheit und der Unfähigkeit, Nähe auf Dauer zu ertragen.

„Es ist auch ein Buch über Freundschaft“, erklärt Olga Grjasnowa. Ihre weichen Züge, ihr offener Blick lassen sie noch jünger erscheinen als auf den Agenturfotos. Die Eckdaten von Maschas Biografie stimmen mit dem Lebenslauf der Autorin überein. Auch Olga Grjasnowa ist in den 90er-Jahren mit ihrer Familie von Aserbaidschan nach Deutschland immigriert. Von den geschilderten Kriegsereignissen blieb sie jedoch verschont. Mit elf kam sie an eine deutsche Schule, lernte rasch die fremde Sprache. Nach dem Abitur studierte sie Kunstgeschichte und Polonistik, brach ab, bewarb sich mit Kurzgeschichten am Leipziger Literaturinstitut und wurde genommen. Ihren Roman begann sie während des Studiums. Drei Jahre schrieb sie da­ran. Auf Deutsch.

Dass sie ziemlich faul sei, betont Olga Grjasnowa mehrmals an diesem Nachmittag. Schwer zu glauben bei jemandem, der drei Sprachen spricht und mittlerweile sein drittes Studium aufgenommen hat: Tanzwissenschaften an der FU. Nach der Verabschiedung blickt sie auf ihr Handy. Eine Nachricht von einer Freundin, einem Freund, einem Angehörigen einer neuen Generation? Dann verschwindet Olga Grjasnowa, die inzwischen in Kreuzberg wohnt, im Multikulti-Gewimmel am Maybachufer. Am nächsten Tag beginnt ihre Lesetour.     

Text: Ralph Gerstenberg
Foto: Rene Fitzeck


Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“

Hanser, 288 Seiten, 18,90?Ђ

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