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Der amerikanische Patient

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Mit seinem Reportagenband „Stranger than Fiction“ und dem Roman „Snuff“ beleuchtet Chuck Palahniuk die Schattenseiten der US-Gesellschaft

Chuck Palahniuk ist Chronist all jener Pathologien, die ihren Ursprung in Sex und Gewalt haben, und seine Geschichten fand er bisher in Selbsthilfegruppen und Krankenhäusern. „Überall, wo die Leute nichts mehr zu verlieren hatten, haben sie am ehrlichsten die Wahrheit erzählt.“ Für seinen Reportagenband „Stranger than Fiction“ hat sich Palahniuk erstmals nicht in geschlossene Kreise begeben. Er reiste durch Amerika, mitten rein in die Gesellschaft. Er traf sich mit den härtesten und traurigsten Sportlern der Welt, Ringern, er fuhr in den Mittleren Westen, wo die Extreme extremer sind, sich Farmer im Wettbewerb mit getunten Mähdreschern gegenseitig platt fahren, und er besuchte eine Sexmesse, die an Orgienhaftigkeit, an Selbstvergessenheit der Ganger nicht zu überbieten ist. All das ist wahr. Es sind brutale Storys, die Palahniuk so erzählt wie seine Romane: nüchtern, kommentarfrei.

Die Porträtierten sind arme Schweine. Dennoch haben sie unsere Sympathie, denn wir finden uns in ihnen wieder. Sie streben nach einem uns täglich wichtigen Gefühl: Anerkennung. Es geht ihnen darum, Teil einer exklusiven Gemeinschaft zu sein. Bei Palahniuk endet dieses Streben im Desaster.

Auch Palahniuks neuer Roman „Snuff“ liest sich wie eine seiner Reportagen. Hier geht es um eine abgehalfterte Pornoschauspielerin, die den Weltrekord im Gruppensex aufstellen will, indem sie sich vor Drehkulisse von 600 Männern nacheinander penetrieren lässt. Dafür nimmt sie den Tod durch vaginale Embolie in Kauf, was vier Anwesende besonders interessiert: ihre Assistentin sowie die Männer mit den Nummern 72, 138 und 600 in der Bums-Warteschlange. Der eine hält sich für ihren Sohn, der Zweite ist verliebt in sie, der Dritte war einst ihr Filmpartner. Die einen wollen, dass sie stirbt, die anderen, dass sie lebt. Nach und nach offenbaren sich Motive: Inzest, sexueller Missbrauch, der Hass abgelehnter Kinder, „jener Randerscheinung der Sexindustrie, die übrig gebliebenen Mastkälber der Erwachsenenunterhaltung“.

Palahniuk gelingt es immer wieder, unser Weltbild auf den Kopf zu stellen. Was uns geordnet, friedlich und ganz fern erscheint, entlarvt er als nahe Bedrohung. Ein Fötus im Mutterleib, der fröhlich Tritte verteilt? In Wirklichkeit ein masturbierendes Ungeborenes, wie einer der Gangbanger in der Warteschlange räsoniert. „Der kleine Schlingel hat zu wichsen angefangen und wird nie mehr damit aufhören.“

So sieht’s aus: Von Geburt an dreht sich alles um Sex, irgendwann später fangen die Probleme an.

„Stranger than Fiction“, 285 Seiten, Manhatten, 7,95 Ђ + „„Snuff“, 288 Seiten, Manhattan, 14,95 Ђ. 

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