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„Der amerikanische Ritter“ von Tod Wodicka

Wenn man etwas mitgenommen hat aus der lausigen Literaturverfilmung des im frühen 18. Jahrhundert angesiedelten Süskind-Bestsellers „Das Parfüm“, dann das: Die Vergangenheit war eine reichlich stinkende Angelegenheit! Und wie erst das Mittelalter! Tierkot, Menschenkot und sonstiger Unrat, wohin die Nase reichte. Diese sinnenbetäubende Tatsache hindert aber die wenigsten daran, jenes an sich finstere Zeitalter zwischen 500 und 1500 nach Christus. zu verklären.

So ist das auch mit Burt Hecker, dem Protagonisten in Tod Wodickas Debütroman „Der amerikanische Ritter“. Hecker ist ein Mitsechziger aus dem Staate New York, dem die Gegenwart nichts, das Mittelalter dafür alles ist. So sehr, dass er tagsüber Wollkutten trägt, literweise Met bechert, in Rollenspielen der alten Zeit huldigt und schließlich nach Saufgelage mit Autoklau nach Deutschland auswandert, um den neunhundertsten Geburtstag der Äbtissin und Visionärin Hildegard von Bingen zu feiern. Zwischen Rüdesheim und Koblenz macht der Kauz im Sackleinernen, der sich als NEE definiert, als „Nicht der Epoche Entsprechend“, so seine Erfahrungen. Zu den Rheinburgen unseres „sterbenden Jahrhunderts“ merkt er kritisch an: „Vergeblich suchten sie, ununterbrochen von Scheinwerfern angestrahlt und unablässig von unserer oberflächlichen Modernität ins Kreuzverhör genommen, im Fluss ihre Spiegelbilder.“ Aber nicht nur die Rheinburgen suchen ihr Spiegelbild, auch der senile Held sucht seins, und zwar in Gestalt seines Sohnes, mit dem er sich nach dem Krebstod der Mutter entzweit hat und mit dem er sich jetzt im „teuflischen Prag“ zu versöhnen hofft.

So nimmt das rostige Ritterspiel im Esoteriklook langsam Fahrt auf, ohne je wirklich das Mittelalter zum Leben zu erwecken. Zu präsent ist die Moderne mit ihren „sozialistischen Wohntürmen“, „Millionen Fernsehapparaten“, Wasserpfeifen und Egg McMuffins. Zu albern das Figurenarrangement, das natürlich auch Literaturheilige wie Kafka mit einbindet. Und bemüht bis schief die Sprachbilder: „Die Stille der Kirche ist ohrenbetäubend.“

Wodicka, 1976 in Glenn Falls, New York, geboren, heute in Berlin lebend, rollt seine schöne Idee eines sympathischen Unzeitgemäßen in Europa schön aus, kommt aber dann vom Wege ab. Allein eine Figur wie Hildegard von Bingen – was wäre hier alles zu entdecken gewesen! Doch bleibt‘s bei Wodicka nur Andeutung, schwache Skizze. Genauso wie der ganze Kloster-Klimbim.

Text: Andreas Burkhardt

Tod Wodicka, „Der amerikanische Ritter“, aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger, Klett-Cotta, 19,90 Euro.

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