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„Der Bildhauer“ von Scott McCloud

David Smith ist mit seinem Leben unzufrieden. Als Künstler ist ihm der Durchbruch nicht gelungen, bei den Frauen hat er keinen Erfolg, seine Freundschaften kann er an einer Hand abzählen. Als er über diese triste Bilanz in einer Bar nachdenkt, setzt sich sein alter Onkel Harry an den Tisch. Das Seltsame daran ist: Onkel Harry ist vor Jahren gestorben. Jetzt bietet er ihm als Leibhaftiger einen teuflischen Pakt an. David bekommt für 200 Tage die Fähigkeit, mit seinen Händen zu formen, was immer er möchte. Als Gegenwert muss er sein Leben geben. David willigt ein, hat jedoch nicht damit gerechnet, dass ihm das Leben und die Liebe dazwischenkommen und er nach Ablauf der Frist an dem hängt, was er so leichtfertig hergegeben hat.
Scott McClouds lang erwarteter Comic „Der Bildhauer“ fügt sich neben Wildes ?„Das Bildnis des Dorian Gray“, Bulgakows „Meister und Margarita“ oder Manns „Doktor Faustus“ in die Reihe der Faust-Adaptionen ein. Sieht man von der Persiflage des Berliner Comickünstlers Flix alias Felix Görmann ab, ist das Opus des US-Zeichners zugleich auch die erste ernst zu nehmende Übersetzung des Faust-Stoffes in die Comic-Sprache.
Leider ist die knapp 500 Seiten umfas­sende Geschichte aber eine recht artige und langatmige Umsetzung des Pakts zwischen Faust und Mephisto. Man fragt sich, wie es dazu kommen konnte, hat doch kein ­anderer Zeichner die Möglichkeiten des Genres besser analysiert, überdacht und vor Augen geführt als McCloud in seiner Trilogie zur Theorie und Kultur des Comics. „Der Comic bietet allen Zeichnern und Autoren ungeheure ­Möglichkeiten: Glaubwürdigkeit, Klarheit, und die Chance, sich einem Publikum mitzuteilen, ohne Zugeständnisse machen zu müssen …“, schreibt er am Ende von „Comics richtig ­lesen“ (1994), seinem ersten Standardwerk, dem „Comics neu erfinden“ (2000) und ­“Comics machen“ (2007) folgten.
Vielleicht ist dem 54-Jährigen aber ­gerade seine tiefe Kenntnis der Funktionalität des Comics zum Verhängnis geworden. ?“Der ­Bildhauer“ liest sich, als hätte er die „ungeheuren Möglichkeiten“ des Comics alle einmal zur Anwendung bringen wollen. ?So wirkt das Buch wie ein Comic-Supermodel. ?Er ist zwar bis zum letzten Strich perfekt, wirkt aber künstlich konstruiert und bleibt dem Leser seltsam fremd.

Text: Thomas Hummitzsch

Foto: Carlsen/ScottMcCloud

Der Bildhauer von Scott McCloud, ?Carlsen, 496 S., 34,99 Euro

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