• Kultur
  • Bücher
  • Der Blumenbar Verlag, neue Lesegewohnheiten und Hardcover Events – Teil 2

Bücher

Der Blumenbar Verlag, neue Lesegewohnheiten und Hardcover Events – Teil 2

tip Im Jahr 2002 waren Sie erstmals auf der Frankfurter Buchmesse vertreten: mit einem Buch, auf vier Quadratmetern, für tausend Euro Standmiete. Wie optimistisch muss man da sein?
Farkas Durchgeknallt optimistisch. Das Startkapital kam über den Blumenbar-Club zusammen, dem man für 50 Euro beitreten kann. Damit haben wir den ers­ten Titel finanziert: „Memomat“ von F. X. Karl. Und weil das Cover eine antiquierte Waschmaschine zeigt, brachten wir eine 70er-Jahre-Waschmaschine als Standmöbel nach Frankfurt und haben den Besuchern einen Schleudergang als kostenlosen Bücherqualitätstest angeboten. Das ist inzwischen ein kleiner Buchmessemythos.

tip Ihr Programm hat sich weiterentwickelt: Ein veganes Kochbuch fällt darunter, Hunter S. Thompson, die Nightlife-Chronik „Mjunik Disco“ oder Leonard Cohens Debütroman. Wie treffen Sie die Auswahl?
Rohlf Den Schwerpunkt bildet zeitgenössische Literatur. Autoren mit pop- oder subkulturellen Bezügen, die sich mit Gesellschaft auseinandersetzen. Uns interessieren die Grenzbereiche. Bildende Künstler wie Matias Faldbakken oder Tracey Emin oder Musiker wie Cohen, die auch schreiben. So entsteht ein freierer, oft auch radikalerer Blick auf Literatur.

tip Gerade Tracey Emins Autobiografie „Strangeland“ war ein Treffer. Wie konnten Sie sich die Rechte dazu sichern? Es ist schwer vorstellbar, dass es keinen größeren Verlag gab, der sich dafür interessierte.
Farkas Auktionen, bei denen Verlage um die Wette bieten, können wir uns in der Regel nicht leisten. In diesem Fall hat es über ein Jahr gedauert, bis wir eine Zusage bekamen. Anfangs wollte sie gar keine deutsche Ausgabe, ein Kontroll­freak eben. Schließlich hat ihre Londoner Galeristin auf sie eingeredet, und dann merkte Emin, dass ihr unsere Autoren und unser Auftreten gefallen. Es ging ihr weniger um den Vorschuss, sondern um Credibility. Entdeckt habe ich ihr Buch übrigens ganz banal – es lag als Originalausgabe in einer kleinen Buchhandlung.

tip Wie finden Autor und Verlag normalerweise zueinander?
Rohlf Intuition, Zufall, Gespür, Offenheit, ein interessantes Umfeld – das alles zählt. Einfach ein Manuskript schicken klappt meistens nicht. Zumindest sollte man dann wissen, ob man ins Programm passt.

tip Wer war Ihre bisher größte Entdeckung?
Farkas Der Berliner Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel. Der war es nämlich, der uns kurz nach Verlagsgründung eine Probeübersetzung des damals völlig unbekannten norwegischen Schriftstellers Matias Faldbakken schickte, den wir kurz zuvor im Münchner Kunstverein kennengelernt hatten. Schmidt-Henkel, der einiges gewohnt ist, war genauso begeistert wie in höchstem Maße irritiert. Zusammen mit Ko-Verlagsgründer Lars Birken-Bertsch stießen wir mit Grappa auf den Vertrag an, ohne vom Roman mehr als 20 Seiten zu kennen. Bis heute hat sich das Werk von Faldbakken im deutschsprachigen Raum rund 50.000 Mal verkauft.

tip Auffallend ist ihre Buchgestaltung: Hardcover ohne Umschlag, dafür mit kunstvollen Zeichnungen. Wie wichtig ist die Ver­pa­ckung?
Farkas Die Frage war und ist: Wie können wir uns absetzen? Wie müssen wir aussehen, damit wir nicht in der Bilderflut untergehen? Deshalb haben wir uns entschieden, auf Fotos zu verzichten und Illustrationen zu verwenden.

tip Angeblich befindet sich der Buchmarkt im größten Umbruch, der jemals stattgefunden hat: E-Books, digitale Verwertung, dazu die Konzentration des Buchhandels auf große Ketten. Wie macht sich das bei Blumenbar bemerkbar?
Rohlf Schwer zu sagen, da die digi­tale Revolution auf dem Buchmarkt gerade erst beginnt. Wie in allen Verlagen wird das Thema heiß dis­kutiert, aber es sieht nicht so aus, als gäbe es schon irgendwo einen Masterplan.
Farkas Es finden viele Bewegungen gleichzeitig statt. Kleine Buchläden müssen schließen, andere kleine Buchläden eröffnen und behaupten sich. Offensichtlich wird in einer Zeit der Digitalisierung das Bedürfnis größer, Bücher anzufassen und mit einem vertrauenswürdigen Händler zu sprechen. Die großen Ketten werden einerseits für eine Monokultur im Buchhandel verantwortlich gemacht, andererseits ist Hugendubel unser größter Kunde. Der Preis der „Hotlist“ wiederum, die von einem losen Verbund von Independent-Verlagen ins Leben ge­rufene Auszeichnung, wurde von der Mayerschen Buchhandlung finanziert, einem wichtigen mittelständischen Familienbetrieb – der Buchtitel der Independent-Verlage verstärkt in seinen Filialen anbieten will.

tip Nun bietet Blumenbar auch ers­te Bücher für das iPhone an, Textdateien zum Herunterladen. Elektronische Lesegeräte wie der Sony Reader aber haben sich bislang nicht durchgesetzt. Wie stellen Sie sich auf die Digitalisierung ein?
Rohlf Wir fragen uns: Wie macht man einen Text attraktiv, wenn man ihn auf einem elektronischen Gerät liest? Videos, Soundfiles, den Autor sehen und hören zu können, das alles gehört dazu und kann eine Erweiterung des Lesens sein. Die multimediale Darstellung wird wich­tiger.

tip Wie sieht die Zukunft des Buchs aus?
Farkas Lesegewohnheiten werden sich ändern. Aufmerksamkeits­span­nen werden kürzer. Die Leute lesen mehr auf ihren Screens statt auf gedruck­tem Papier. Kürzere Formate werden wichtiger. Und wer weiß, vielleicht ist auch das Genre Roman erschöpft, und es wird neue Formen geben, von denen wir jetzt noch nichts wissen; vielleicht ist der Autor der Zukunft Teil eines Pools, der aus Videokünstlern, Musikern und anderen Autoren besteht. Gebundene Bücher bleiben aber das Premium-Produkt eines anspruchvollen Verlags.

tip Welches ist Ihr Lieblingsbuch über Berlin?
Rohlf Immer noch „Berlin Alexanderplatz“.
Farkas „Loslabern“ von Rainald Goetz. Damit sind wir wieder bei Suhrkamp. Nun gut.

Interview: Sassan Niasseri, Heiko Zwirner
Fotos: Harry Schnitger

1 | 2 | zurück


Info: Blumenbar
Der Journalist Wolfgang Farkas und der Verlagskaufmann Lars Birken-Bertsch gründeten 2002 in München Blumenbar. Hervorgegangen ist der Independent-Verlag aus einem literarischen Salon sowie der „Blumenbar-Community“, deren Mitglieder die finanziellen Beiträge für die Verlagsgründung stellten. Das Blumenbar-Programm umfasst gesellschaftspolitische Themen, Sub- und Popkultur. Zum Autorenstamm gehören Matias Faldbakken, Hunter S. Thompson, Raul Zelik, Tony Parsons, Tracey Emin und der Preisträger der diesjährig von Independent-Verlagen einge­führten „Hotlist“, Alexander Schimmelbusch. Jüngst ist Blumenbar eine Vertriebspartnerschaft mit dem Berlin Verlag eingegangen und zog in die Berliner Kloster­straße, in die Räumlichkeiten des ehemaligen DDR-Fernmeldeamts, wo inzwischen auch der WMF-Club beheimatet ist. Das WMF ist für Blumenbar und den Berlin Verlag auch Veranstaltungsort des zukünftig einmal im Monat stattfindenden „Hardcover“-Abends, ein literarischer Nachtclub mit Lesungen, Performances und Musik.

Mehr über Cookies erfahren