Bücher

„Der Feind im Schatten“ von Henning Mankell

Henning MankellWallander hat nun einen Hund und ein kleines Häuschen in Südschweden, wo es nur eine harte Währung gibt: Ruhe unter Nachbarn. Schiefe Bäume wachsen da, und wieder kennt den Mörder zunächst ganz allein der Wind.
Mitunter sind Henning Mankells Krimis so wetterfest gebaut wie Lieder von Bob Dylan. Ein bisschen Poesie blitzt auf, bei Dylan wie auch bei Mankell, doch letztlich bleibt das alles schmucklos, beinahe knurrig – darum aber sind diese Werke zeitbeständig und fast weise.
Mankell schreibt Männerbücher, wenn er von Kommissar Kurt Wallander erzählt. Wallander ist kein Weiberheld, obwohl er hier, bei seinem letzten Fall, nach Ewigkeiten tatsächlich mit einer Frau ins Bett geht. Wallander schämt sich für diese kurze Wallung seines Blutes, weitaus verlässlicher erregt ihn das Verbrechen. Es geht um Spionage. Um eine Ehe, in der nicht klar ist, wer Spion ist und wer Opfer. Hakan und Louise von Enke sind die Eltern von Lindas Lebens-gefährten Hans – Linda, einziges Kind des Kommissars. Hakan verschwindet, einige Wochen später ist Louise tot. Hakan war vormals U-Boot-Kommandant der schwedischen Marine, er erinnert sich an fremde, unbefugte U-Boote in schwedischen Gewässern, damals in den 80ern. Der Kalte Krieg holt die von Enkes ein. Und Kurt Wallander durchmisst die alten Zeiten, um Licht zu bringen in die Gegenwart.
Seine Zukunft aber zeigt sich düster. Wallander kriegt Gedächtnislücken. Er, nun 60 Jahre – und zehn Bücher – alt, fürchtet den Tod, erweist sich jedoch weiterhin als Stoiker, wie man ihn kennt aus den vorangegangenen neun Büchern. Sein Fahndungswerkzeug bleibt der siebte Sinn, auf seine Intuition ist mehr Verlass als auf den polizeilichen Besteckkasten mit Spurensicherung und Pipapo. Mankell packt Menschenliebe in die Krimis, die sich in der Melancholie von Wallander, auch in den horrorhaften Reizen seiner Fälle, oft einen Gegensatz gesucht hat. „Der Feind im Schatten“ aber zeigt das Grauen nicht auf offener Bühne, beinahe wirkt die Story altersmilde. Es geht um Politik, um ein Abstraktum also. Zuweilen fehlt das nackte menschliche Motiv in diesem letzten Streich des kränkelnden Wallander – zu spüren ist der Abgrund hinter der Idylle dennoch, da hilft kein Wachhund vor der Hütte, das Böse lässt sich von dem Kläffen nicht verschrecken.

 

Text: Lars Grote

Foto: Cinetext Bildarchiv

tip- Bewertung: Lesenswert

Henning Mankell „Der Feind im Schatten“, Zsolnay, 591 Seiten, 26 Ђ

Auch auf der Lesebühne in der Volksbühne am 3.06., 20:00 (Tickets dafür gibt es hier)

 

Weitere Buchbesprechungen:

UNINTERESSANT: „AIRPORT. EINE WOCHE IN HEATHROW“ VON ALAIN DE BUTTON

LESENSWERT: „DEUTSCHLAND MACHT DICHT“ VON DIETMAR DATH

LESENSWERT: BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRES „AUCH DEUTSCHE UNTER DEN OPERN“ 

LESENSWERT: „KOKOSCHKINS REISE“ VON HANS-JOACHIM SCHÄDLICH 

HERAUSRAGEND: J.M. COETZEES „SOMMER DES LEBENS“

HERAUSRAGEND: T.C.BOYLES „DAS WILDE KIND“

LESENSWERT: DON DELILLOS „DER OMEGA-PUNKT“

HERAUSRAGEND: BURNSIDES „GLISTER“

LESENSWERT: „FRANKIE MACHINE“ VON DON WINSLOW

GAY TALESE: FRANK SINATRA IST ERKÄLTET – REPORTAGE-MEISTERSTÜCKE

BILDBAND: MAGIC 1400s – 1950s

 

Mehr über Cookies erfahren