Bücher

Der Georgier Zaza Burchuladze

Zaza Burchuladze

Netter Kerl, dieser Zaza Burchuladze. Geht oft spazieren. Besitzt keinen Fernseher. Hasst Fernsehen sogar. Trinkt nie Alkohol. Raucht mit Genuss. Ist überhaupt von fast schüchtern anmutender Herzlichkeit.
Ziemliche Ego-Knalltüten, dieser Schako, dieser Bibi. Und wie sie alle heißen, die gefühlsentkernten Tiflis-Yuppies in Buchuladzes Roman „Adibas“. Machos, die ihren Penis ablichten, das Handyfoto der neuen Freundin schicken und dann sinnieren, dass „drei Megapixel der Realität nicht annähernd gerecht werden“. Die auf Partys mit „schwarzen Kerzen, besoffenem Gefasel und lausigem Ecstasy“ abhängen. Den Kumpel beim Sex mit der Ex filmen. Oder im Second-Hand-Shop am Stadtrand Marken-Klamotten kaufen. Echte. Oder Fake. Meist Fake. „Adibas“ eben.
Das georgische PEN veröffentlichte einen Aufruf, Burchuladze nicht mit seinen Romanfiguren gleichzusetzen. Das hatte Gründe.
Das Tiflis der Happy Few in „Adibas“, dem ersten auf deutsch erschienenen Roman des georgischen Schriftstellers und Journalisten Zaza Burchuladze: eine hedonistische, lethargische, leere Gesellschaft. Es ist der 8.8.2008. Der Tag, als der nur wenige Tage dauernde georgisch-russische Krieg um das abtrünnige Südossetien beginnt. Ein fernes Grollen. Mehr nicht. Das Motto des Buches heißt: „Stell dir vor, es ist Krieg und du bist falsch angezogen.“
Ein Cafй im Graefekiez. Burchuladze ist fünf Minuten zu spät, entschuldigt sich fast zerknirscht. Springt gleich wieder auf, weil, verrückter Zufall, in diesem Moment die in Tiflis geborene Schriftstellerin Nino Haratischwili reinschneit, die in Hamburg wohnt.
In seiner Heimat ist Burchuladze einer der am kontroversten diskutierten Schriftsteller. Viele Intellektuellen lieben ihn. Seine Essays, seine Romane. Aber 87 Prozent der Bevölkerung seien streng religiös, erzählt er. Und die, die glauben, hassen ihn tief. Fanatiker stürmten Buchhandlungen, verbrannten seine Bücher. Zweimal versuchte jemand, ihn mit einem Auto zu überfahren. 2012 wurde er mit einer Pistole bedroht, dann krankenhausreif geschlagen. Mitten in Tiflis.
Zaza Burchuladse: Adibas„Wenn du gegen die georgische orthodoxe Kirche bist, bist du ihr Feind“, sagt er. „Du bist der Teufel. So haben sie mich oft genannt.“
Der damalige Präsident Michail Saakaschwili ließ sich in einer Nachrichtensendung dazuschalten, um ihn zu verdammen.
„Das ist Georgien!“, sagt Burchuladze. „Ein kleines Land. Wir hatten die verrückten 90er-Jahre. Zusammenbruch der Sowietunion! Wir hatten nichts zu essen. Keine Heizung. Null! Nichts! Aber wir hatten viele Kalaschnikows, viele Drogen. Die Leute wurden verrückt.“
Er hat in Tiflis an der staatlichen Kunstakademie studiert. Mit dem Malen hat er aufgehört: „Ich male mit Worten besser.“
Einmal ließ er sich nackt fotografieren. In einer Hand ein Buch vor dem Unterleib. Die andere nach vorn ausgestreckt. Wie Keanu Reaves’ Neo in „Matrix“, als er die Agenten-Kugeln in der Luft stoppt. „Ich habe nur meine Worte. Sie sind meine Kleidung, meine Tarnung. Also war Neos Pose für die georgische Gesellschaft eine Botschaft: Ihr könnt mich nicht umbringen, wenn ich bekleidet bin.“
Nachdem er aus dem Krankenhaus kam, verließ er Ende 2012 das Land, das Literarische Colloquium Berlin half mit einem Writers-in-Exile-Stipendium. Jetzt wohnt er mit seiner Frau Salomй Jashi, einer Filmemacherin, und kleiner Tochter in Wedding. Berlin nennt er: „mein metaphorisches Heimatland.“
„Adibas“ ist ein famoses, hartes, auch lustiges Stück Popliteratur, es erinnert an Breat Easton Ellis, an Houellebecq. Nur rasanter, kaleidoskopartiger. 15 Kapitel mit Erzählpassagen, Listen,  Chats, Gedichten. „Krieg im 21. Jahrhundert und Konsumlifestyle leben zusammen“, sagt er. „Darüber kann ich doch nicht im Nabokov-Stil schreiben.“ 
So fühlt sich das Buch, auch wenn es in Georgien spielt, universell an. Krieg, Terror. Einschläge, die näher kommen. Eine Freundin seiner Frau lebe in Paris, erzählt er. Der Terror war nur eine Straße entfernt, schrieb sie neulich. Aber als es vorbei war, ging sie ins Cafй. Was hätte sie sonst tun sollen.
„Ja, wir leben in irrsinnigen Zeiten“, sagt Zaza Burchuladze. „Absolut verrückt.“

Text: Erik Heier

Foto oben: Ira Koklozin

Adibas von Zaza Burchuladze. Aus dem Georgischen von Anastasia Kamarauli, Blumenbar, 192 Seiten, 18 Euro

Mehr über Cookies erfahren