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Der Horror, Der Horror

Selbst wenn der Erste Weltkrieg anders verlaufen wäre … ist Christian Krachts Kriegsbericht „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ nicht mehr als selbstgefälliger Unsinn.

Als „Krieg der Schweizer“ vorab beworben, legt Christian Kracht mit „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ nach dem brutalen Persienmärchen „1979“ sein zweites Stück Weltliteratur vor – was in seinem Fall heisst: Der Autor fantasiert eine Alternativwelt, in der das Wirklichkeit ist, was seine delierenden Protagonisten erleben. Konsequente Einstellung, denn Kracht darf man auch in Interviews nie für voll nehmen.

Die Schweiz nach 1917, der erste Weltkrieg wurde nie beendet, neue Mächte regieren. Die Schweizerische Sowjetrepublik etwa, Hindustan, die deutschen Faschisten und das Grossaustralische Reich. Durch die Gefechte liegt ein ständiges Dunkel über dem Planeten, „das riesige russische Reich war eine einzige Ödnis voller giftigem Staub und todbringender Asche“. In dieser Welt ohne Zukunft

kracht

erhält ein Neu-Berner Polizeikommissär den Auftrag, einen mordverdächtigen und in eine Schweizer Bergfestung geflüchteten Oberst festzunehmen, der dort den Neuen Menschen erschaffen will. Bis der Beamte dort angekommen ist, überfällt ihn wohl der Wahnsinn. Anders lassen sich die Schockberichte über Zwerge, Balancieren auf Tretminen und afrikanische Fieberträume nicht erklären. Besonders die Fieberträume sind langweilig.

Joseph Conrads „Heart of Darkness“ zeigte, was passieren kann, wenn man der Zivilisation den Rücken kehrt: Es ist nur ein kleiner Schritt von der Freiheit zur Barbarei. Völlig daneben ist, was Kracht aus der Vorlage macht. An seine kleinfingergespreizte Sprache („manchmal träumte ihm wohl“, Erde „lag weich und krumig“) und unglaubwürdig kindliche Sinnfragen б la „Warum mussten nur manche Menschen in diesem Land so einen Hass fühlen“ mag man sich gewöhnen, schlicht enttäuschend aber sind die fantastischen Elemente des Psychotrips unseres Berner Bullens: Da gibt es Meditationen, die der Oberst zur „Einsicht in die Natur des Krieges“ nutze oder eine geheime Sprache, deren Wörter in der Aussprache greifbare Räume erschaffen. Krachts Universum ist aber zu keiner Zeit spürbar, sie macht keine Angst, sie verrät nichts über die Menschen, die sich in ihr bewegen müssen, sie ist nur geziert erdacht und angerissen: Bürgerkrieg der gefiederten Schlange? Gletscherwelten im Norden, gerechter Krieg, der dort auf und unter dem Eis geführt wurde? Und wie geht’s weiter?

Am Ende killt der Kommissär den Oberst, egal, welche Erfindungen der aus der Tasche zaubert. Doch die „Heart of Darkness“-Lehre, dass das barbarische Genie sterben muss, damit das alte System weiter bestehen kann, der Wahnsinn jedoch dafür den Vollstrecker niemals mehr loslassen wird – das bleibt auf der Strecke.

Bleibt die Frage, woher Kracht, der regelmäßig Songtitel in seine Texte einbaut, den schönen Titel dieses Buches her hat. Kurz googeln: „Danny Boy“, ein englisches Volkslied, stand Pate. Und nun?

Christian Kracht, „Ich werd hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, Kiepenheuer & Witsch, 148 Seiten, 16,95 Euro.

 


 

 

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