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Der Schriftsteller David Wagner über sein neues Buch „Leben“

David_WagnerHerr Wagner, wie geht es Ihnen?
DAVID WAGNER
So gut wie fast noch nie.

Das ist ja eigentlich eine sehr triviale Frage. Aber wenn jemand ein Buch über eine Lebertransplantation schreibt, bei Ihnen liegt sie jetzt knapp sieben Jahre zurück  …
Die Frage ist gar nicht trivial, weil es nicht selbstverständlich ist, dass ich mich so gut fühle. Das kann sich jederzeit wieder ändern.  

Guckt der als Flaneur geltende Schriftsteller dann raus in dieses trübe, kaltfeuchte Berliner Winterwetter und sagt sich: „Ach, ich bleibe dann mal lieber zu Hause.“?
Nein, die Winterluft ist ja eher sauber. Aber vor Keimen muss ich mich schützen. Ich gehe zum Beispiel nicht so gern in öffentliche Schwimmbäder. Eine Zeit lang habe ich auch sehr volle Bahnen gemieden. Und ich habe immer ein Desinfektionsmittel dabei.

Die Krankheit, die Ihre Leber zerstört hat, heißt Autoimmunhepatitis. Was ist das?
Es gibt verschiedene Autoimmunkrankheiten. Die bekannteste ist Rheuma. Das Immunsystem richtet sich gegen Organe des eigenen Körpers, das ist eine Abstoßungs­reaktion. Der Körper glaubt, das eigene Organ wäre ein fremdes. Übrigens dieselbe Reaktion, die nach einer Transplantation einsetzt.

Ihr eigenes Immunsystem ist Ihr Feind?
Ja. Oder war es mal, zum Teil. Wenn es nicht früh genug erkannt wird, zerstört der Körper die eigenen Organe.

Sie waren zwölf Jahre alt, als diese sehr seltene Krankheit bei Ihnen festgestellt wurde. War Ihnen da klar, was das heißt?
Damals nicht. Über die Jahre wurde natürlich klarer: Irgendwann muss transplantiert werden. Anfang der 80er-Jahre waren Transplantationen aber noch nicht so selbstverständlich wie vielleicht heute.

Wie erklärt man der Familie, Freunden, Bekannten, dass man eine lebensbedrohliche Krankheit hat, eine Organspende braucht?
Bei Nahestehenden ist das kein Problem. Ansonsten habe ich das eigentlich nie so stark kommuniziert und wollte das auch selber immer so ein bisschen  … (grübelt)

… von Ihnen weghalten?
Ich wollte so lange wie möglich die Normalität genießen. Natürlich hat man Angst. Man kann ja nicht davon ausgehen, dass nach der OP alles besser ist. Es kann auch schlechter werden. Oder man wacht gar nicht mehr auf.

Dachten Sie manchmal: Warum gerade ich?
Nein. Ich habe das eigentlich hingenommen. So blöd das klingt: Auf eine gewisse Art und Weise war es immer auch interessant. Der Protagonist im Buch genießt zum Beispiel das Privileg, sich von den langweiligen Schulstunden abmelden zu können und zu Untersuchungen in die Klinik zu gehen. Oder so zu tun. Er nutzt das kräftig aus.

Sie sagen: der Protagonist. Nicht: ich. Ist „Leben“ ein Roman oder ein Selbstzeugnis?
Das ist eine Frage, die ich selber nicht so ganz beantworten kann. Es ist beides.

Dieser Augenblick, wenn der Anruf kommt: „Wir haben eine Spenderleber.“ Kann man sich darauf irgendwie vorbereiten?
Ich habe das eigentlich immer gerne verdrängt. Natürlich sehnt man ihn herbei, weil man ja denkt, es könnte einem anschließend besser gehen – andererseits wollte ich es auch nicht.

Ihr Protagonist lehnt beim ersten derartigen Anruf die Spenderleber noch ab, weil nebenan seine kleine Tochter schläft.
Selbstverständlich ist es eine große Dummheit, abzulehnen. Für ihn hätte es auch heißen können: Das war die eine Chance.

Diese Passage gehört vermutlich zu jenen vielen Details, die nicht erfunden sind.
Daran möchte ich mich jetzt gar nicht so genau erinnern. (lacht)

Wieso greift er beim zweiten Anruf, als wieder eine Spenderleber verfügbar ist, zu?
Beim ersten Mal ging es dem Protagonisten – und das war auch bei mir so – einfach noch nicht schlecht genug. Vor dem zweiten Anruf gab es lange Episoden im Krankenhaus, einmal wäre er fast gestorben. Wenn man am Ertrinken ist, greift man eben nach dem Rettungsseil.

20 Prozent überleben das erste Jahr nach einer Lebertransplantation nicht. Macht man sich so was vor der Operation klar?
Klar, das interessiert einen natürlich. Mich hat es jedenfalls interessiert. Ich war schon sehr froh, als danach ein Jahr herum war.

Warum schreibt der Ich-Erzähler im Buch ausgerechnet Todesmeldungen aus der Zeitung zu Lyrik um? Ganz schön makaber.
Sind die Gedichte wirklich so makaber? Wenn, dann doch nur, weil es im Buch viele sind. Die stehen jede Woche in der Zeitung.

Die Gedichte nehmen satte 17 Seiten ein.
Er hat eben eine gewisse Todesobsession. Mein Buch heißt ja auch „Leben“, weil viele Leben erzählt werden, und an dieser Stelle eben sehr kurz. Es sind ganze Leben in immer sieben Zeilen, die erst durch den Tod erzählbar werden. Der Tod macht das Leben zur Geschichte.

Ihre Figur hat sich schon in jungen Jahren den eigenen Tod vorgestellt. Da ist von der Transplantation noch keine Rede.
Seine Mutter stirbt früh, deshalb ist plötzliches Nichtmehrdasein für ihn auch früh ein Thema. Dieses Unverletzlichkeitsgefühl der Jugend, dieses Denken, man wäre quasi unsterblich – das war da schon gebrochen.

Was bedeutet es für das Schreiben dieses Buches, wenn man dabei seine eigene Geschichte zwischen Leben und Tod aufarbeitet? Ist es eine Art von Katharsis?
Leichtgefallen ist mir das Buch nicht. Es hat lange gedauert, über fünf Jahre. Aber ich wusste eigentlich immer, ich muss diese Geschichte erzählen. Auch, weil ich noch heute manchmal in der Nacht aufwache und denke: Ist mir das wirklich passiert? Wurde ich auf- und mir etwas herausgeschnitten und ein Teil, ein Organ von einem anderen Menschen eingesetzt?

Von einem Menschen, der gestorben ist.
Alle Transplantierten, und ich eben auch, wir sind nur da, weil jemand so großzügig war, nach seinem Tod Organe zu spenden. Oder weil seine Angehörigen die Entscheidung gefällt haben. Dafür bin ich ganz einfach dankbar. Sonst säße ich jetzt nicht mehr hier. Diese Gabe ist auch eine Verpflichtung. Auch deswegen musste ich dieses Buch schrei­ben. Weil sehr viele Menschen dieses Glück nicht haben. Viele sterben auf der Warteliste.

Wüssten Sie gern, wer die Spenderin, der Spender war? Und wie sie oder er war? Es ist natürlich gesetzlich nicht möglich.
Ja. Nein. Ich weiß nicht. Lange Passagen des Buches behandeln ja quasi diese Frage: Du bist mit einer Person, die du nicht kennst, die du nicht mehr kennenlernen kannst und vielleicht auch nicht kennenlernen willst, so eng zusammen wie mit niemandem sonst. Das öffnet ein Reich der Fantasie.

„Dich aber kann ich spüren, du bist da“, wie es im Buch heißt.
Man könnte ja so eine ganz mechanistische Sicht darauf haben: Ja, da wurde einfach ein Ersatzteil ausgetauscht und jetzt läuft die Maschine weiter. Aber der Protagonist …

… der Herr W. also, wie Sie ihn so schön genannt haben …
… Herr W. hat sich in seine unbekannte Organspenderin verliebt. Das ist natürlich eine absurde Liebesgeschichte.

Als ein Göttinger Arzt im vergangenen Jahr Wartelisten manipulierte, um Patienten schneller zu einer neuen Leber zu verhelfen, erschien in der „taz“ ein Text von Ihnen: „Zum Kotzen, zum Heulen“.
Es gibt in Deutschland zu viele kleine Transplantationszentren. Dann war da dieser eine sehr ehrgeizige Arzt in Göttingen, der schon zuvor in Regensburg auffällig geworden war, die bayerischen Behörden hätten ihn stoppen können.

Ihr Beispiel zeigt aber, dass unser oft kritisiertes Gesundheitssystem sein Gutes hat.
Ich bin meinen Ärzten sehr dankbar. Und unserer Solidargemeinschaft der Krankenkassen. In Amerika wäre ich entweder nicht mehr am Leben oder hätte ich-weiß-nicht-wie-viele Millionen Dollar an Schulden.

Wie lange hält denn so eine Spenderleber?
Die kann so lange halten, wie ich lebe. Und umgekehrt.

Interview: Erik Heier
Foto: Oliver Wolff

David Wagner
David Wagner, 1971 in Andernach geboren und im Rheinland auf­ gewachsen, lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin. Sein Debüt „Meine nachtblaue Hose“ erschien im Jahr 2000, er wurde seitdem vielfach ausgezeichnet und stand für seinen Roman „Vier Äpfel“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 2007 wurde ihm eine Spenderleber transplantiert. Davon handelt sein neues Buch „Leben“, das für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. David Wagner ist Vater einer Tochter.

David Wagner: „Leben“, Rowohlt, 320 Seiten, 19,95 Ђ 

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