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Schelmenroman

Der Schriftsteller Ingo Schulze über seinen neuen Roman „Peter Holtz“

„In der DDR war ein Mietshaus eine Strafe“ – Der Schriftsteller Ingo Schulze über Utopien, Geldausgeben, die Bundestagswahl, seinen neuen Roman „Peter Holtz“ – und 111 Flaschen Riesling

Foto: Gaby Gerster

tip Herr Schulze, wie viele Utopien hatten Sie in Ihrem Leben schon?
Ingo Schulze Das ist schwierig zu sagen, weil ich manches, was sich nicht erfüllt hat, nicht als utopisch ansah, sondern eher als naheliegend. Im Herbst ’89 erschien mir in der DDR durchaus ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz möglich. Dasselbe glaubte ich dann, würde dem Kapitalismus nach dem Ende des Kalten Krieges gelingen.

tip Ihr Romanheld Peter Holtz ist ein etwas naives DDR-Heimkind mit Hang zur Utopie. Wieso ist das Buch ein Schelmenroman?
Ingo Schulze Einen wie Peter Holtz hat es wahrscheinlich nie gegeben. Ich lasse ihn 1974 mit zwölf Jahren loslaufen, er ist sehr überzeugt vom Kommunismus, er will stets das Gute und gerät damit in Verstrickungen. Er ist einer, der sich sehr frei fühlt – und der, das ist mir spät aufgefallen, keine Angst hat. Ich wollte eine Figur, mit der ich wie bei einer Revision eines Prozesses, die Indizien noch mal neu befragen kann.

tip Sie haben mit Peter die DDR-Herkunft und den Jahrgang gemeinsam. Wollten Sie auch mal, wie er, als Kind auf wortreich sozialistische Weise die Restaurant-Zeche prellen?
Ingo Schulze Nein. Meine Mutter hatte mir eingeschärft, dass die Verkäufer die geklauten Waren dann aus der eigenen Tasche zahlen müssten, was ja nicht stimmte, aber das hat wohl gewirkt.

tip Später tritt Peter in die Ost-CDU ein – und bekommt ein Mietshaus geschenkt. Wie das?
Ingo Schulze In der DDR war es regelrecht eine Strafe, wenn man ein Mietshaus besaß, das auch noch alt war, weil man von den Mieteinnahmen oft nichtmal die notwendigsten Dinge investieren konnte und Handwerker immer rar waren. Gerade ältere Hausbesitzer sagten dann: Das wird mir zuviel, ich kann da nicht noch meine Rente reinstecken.

tip Richtig viel Glück gönnen Sie ihm aber nicht.
Ingo Schulze In der DDR will er helfen, denunziert aber. Er will bei der Stasi mitmachen, fliegt aber sofort wieder raus, weil er es allen erzählt. Er will die Häuser schön machen, dann sitzen andere drin. Er will Freunden Geld schenken, aber das zerstört die Freundschaft. Er will einen Betrieb übernehmen, aber die Arbeiter wollen den selbst behalten. Das Geld steht ihm auch in der Liebe im Weg.

tip Peters Frage, wie man sein Geld mit Anstand los wird, ist aber auch heute sehr aktuell.
Ingo Schulze Manchmal weiß man es, manchmal nicht, wann man mit seinem Einkauf eine Schweinerei begeht. Ich fasse mich auch an die eigene Nase. Allein schon die Nahrungsmittel. Aber wenn ein Durchschnittsverdiener im Bioladen einkauft, hat er nach einem halben Monat kein Geld mehr.

tip Wieso bevorzugen Sie in Ihren Büchern eigentlich Protagonisten mit Ost-Geschichte?
Ingo Schulze Mir fällt es heute noch schwer, eine plausible Westfigur zu kreieren. Da müsste ich sehr viel fragen und wäre dann immer noch unsicher. Ich verweise da immer auf Uwe Johnson. Wie lange der keine Westfigur hatte!

tip Können Sie die ewigen Fragen nach dem großen Wenderoman überhaupt noch hören?
Ingo Schulze Das Problem an dieser Bezeichnung ist ja, was damit assoziiert wird, meistens das putzige Staunen mehr oder weniger liebenswürdiger Ostler über den Westen. Es war aber in jeder Beziehung ein Weltenumbruch, deren Folgen wir mitunter erst heute begreifen.

tip Freuen Sie sich auf den Bundestagswahltag?
Ingo Schulze Ich wähle immer, ja. Was heißt freuen? Man weiß ja meist vorher, wie es ausgeht. Aber ich gehe immer hin. Unverdrossen.

tip Sie wissen vorher, wie die Wahl ausgeht?
Ingo Schulze Nach der letzten Wahl habe ich mit Antje Vollmer und anderen eine Aktion gegen die Große Koalition gestartet, ganz gleich, was man alternativ gemacht hätte. Damals wäre eine rot-rot-grüne Koalition ja noch möglich gewesen, heute wohl nicht mehr.

tip Ihr letzter Roman „Adam und Evelyn“ erschien vor neun Jahren. Wann spürt man als Schriftsteller, dass die Zeit mal wieder reif ist?
Ingo Schulze Druck wäre für mich eher eine finanzielle Kategorie. Ich habe ja Lust zu schreiben, Lust auch in dem Sinne, dass es mir als gewisse Notwendigkeit erscheint, das zu schreiben. Nur oft gelingt mir das nicht, was ich mir vornehme. Oder ich rutsche in etwas Anderes. Ich habe das nicht im Griff, und ich glaube, das geht auch nicht, auch wenn ich mir immer wieder wünsche, schön effektiv zu sein.

tip Wie kommt es eigentlich dazu, dass Sie im November erstmals in der Jury des Nachwuchswettbewerbs Open Mike sitzen?
Ingo Schulze Ich bin schon oft gefragt worden. Da fand ich es unanständig, dauernd abzusagen.

tip Glückwunsch noch zu den 111 Flaschen Rheingauer Riesling, die Sie gerade für den Rheingau Literaturpreis bekamen. Wie lange reichen die eigentlich dann?
Ingo Schulze Jetzt plaudern auch Sie das noch aus! Ich habe mal gedacht, ein halbes Jahr oder sogar mehr sei nun gesichert. Aber ich habe zu viele Freunde und Kollegen, die die Vergabe von Literaturpreisen aufmerksam verfolgen.

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst von Ingo Schulze, S. Fischer, 576 S., 22 €

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