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Der stete Tropfen der Gewalt

In „2666“ untersucht Roberto Bolano Gesellschaften, die Serienmörder hervorbringen.

Vielleicht ist Mexiko wirklich so, wie eine Romanfigur aus „2666“ es beschreibt. Die ganze Nation ist eine Collage aus den unwahrscheinlichsten Anspielungen, eine Anspielung auf Dinge, die es gar nicht gibt. Vor allem aber eine Albtraumlandschaft. Mexikos Einwohner sind verrückt nach dem Tod, für sie machen die Morde an Frauen das Pulsieren der Großstadt aus. Die Huren, die Bullen, Reporter und Politiker, sie lieben die Gewalt. Blut muss fließen. Sie erklären friedliebende Nachbarn, die aus Angst ihre Grundstücksmauern mit Glasscherben spicken, für verrückt.

In seinem in der Übersetzung mehr als tausendseitigen Mammutwerk, das er kurz vor seinem Tod 2004 vollenden konnte, verknüpft Roberto Bolano zwei Erzählstränge: Die Serienmorde an hunderten Frauen, seit den Neunzigern ungeklärt, angesiedelt in der fiktiven Stadt Santa Teresa, die auf den wahren unaufgeklärten Mordfällen in Ciudad Juбrez (laut Amnesty International 370 Tote bis 2005) beruhen, mit der fiktiven Lebensgeschichte Benno von Archimboldis. Der ist ein deutscher, genialer und untergetauchter Schriftsteller und ehemaliger Wehrmachtssoldat, der nun in Mexiko vermutet wird. Was haben er und sein Sohn Klaus, der im Gefängnis von Santa Teresa sitzt, mit den Serienmorden zu tun?

Bolanos größter Coup ist die Sprache, er erzählt seine Geschichte ebenso mitleidlos wie surreal, mehr um Vernebelung als Aufklärung bemüht. Das Geheimnis Archimboldis, das wird schon sehr früh klar, wird er nicht lüften. Dafür reihen sich über hunderte Seiten erwürgte, vergewaltigte Frauen Eine an die Andere. Die Geschichte wird zur Häufung von Augenblicken, die sich gegenseitig an Monstrosität überbieten. Und so wie die Romane Archimboldis wirkt bald auch Bolanos eigener: eine formlose, geheimnisvolle sprachliche Masse, „im wörtlichen Sinne ein Prätext, eine falsche Tür“. Die Natur Mexikos ist bei Bolano dämonischen Ursprungs, die Städte wie geisterhafte Inseln, die Wüste wie unendliches Meer. Wer am Abend seine Haustür verlässt, spürt sofort die Nacht wie ein Gespenst den eigenen Rücken berühren. Niemand ist irgendwo mehr sicher.

Wie kann es sein, dass über Jahre so viele Frauen ermordet werden, ohne dass die Polizei die Mörder finden kann? Bolano findet zynische Antworten, die sogar lustig wären, würde seine Geschichte nicht auf Wahrheit beruhen. „In Mexiko Kriminologe zu sein“, lässt er einen Professor sagen, „das ist, als wäre man Kryptograph am Nordpol. Oder ein Marktschreier in einem Land von Taubstummen“.

Roberto Bolano, „2666“. Aus dem Spanischen von Christian Hansen, Hanser Verlag 2009, 1096 Seiten, 29,90 Euro. Lesung: „Unendlicher Spaß” von David Foster Wallace und „2666” von Roberto Bolaсo – die Übersetzer Ulrich Blumenbach und Christian Hansen lesen und diskutieren mit Ijoma Mangold und Tobias Rapp; Literarisches Colloqium Berlin, Am Sandwerder 5, Zehlendorf, Mo 23.11., 20 Uhr, Eintritt: 6 / 4 Euro.

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