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Der Wald ist voller einsamer Herzen

 
In William Gays Southern-Gothic-Roman „Nächtliche Vorkommnisse“ erpressen zwei Teenager einen nekrophilen Bestatter. Was unweigerlich zu noch mehr Toten führt
 
1951, irgendwo in Tenessee: Die Teenager Kenneth und Corry graben im Friedhof, öffnen Särge und sehen sich Leichen an: Sie sind verstümmelt, zusammengewürfelt und in Sexstellungen arrangiert. Pech für den Bestatter Fenton Breece, dass die Jugendlichen ihm auch noch Fotos stehlen, die sein Treiben dokumentieren. Für die Rückgabe fordern sie Geld. Breece heuert kurzerhand den verurteilten Mörder Sutter an, um die Zwei zur Strecke zu bringen. Eine Jagd durch die Wälder beginnt. Und dort leben noch ganz andere Gestalten.

gay
 
Das Kurioseste an „Nächtliche Vorkommnisse“ ist sicher sein Autor. William Gay veröffentlichte 1999, da war er 46 Jahre alt, mit „The Long Home“ seinen ersten Roman. Davor, so sein offizieller Lebenslauf, arbeitete der Vietnamveteran als Zimmermann und Anstreicher. Bis heute lebe er „in den Wäldern von Tennesee“. So ein Mann lässt sich für eine Thriller-Story natürlich klasse vermarkten. Und dann erst sein Autorenfoto. Aufgenommen in der Scheune und ein Gesicht wie geschnitzt. Dazu noch Horror-Veteran Joachim Körber als Übersetzer und ein Buch-des-Jahres-Lob von Stephen King, fertig ist das neue Literaturwunder.
 
Vielleicht liegt es ja an der steifen Übersetzung, aber manche Beschreibungen erinnern doch eher an melancholische Teenagersprache als an Sätze, an denen man über 46 Jahre lang feilen konnte: Da „wehten die Worte davon wie der Herbstlaub im Wind“, ist man „wachsam wie eine Katze“ oder „rascheln die windschiefen Gespenster alter Maisstauden dünn und zerbrechlich wie uraltes Pergament“. Beschreibungen wie diese tragen nicht zur Stimmung bei. Sie sind atmosphärische Störungen. Zudem sind die Hauptfiguren – der perverse Bestatter, der Killer mit dem Kindheitstrauma, ein Teenager, der zu viel wollte und am Ende der Jagd erwachsen geworden ist – klischeehaft.
 
Es ist daher erstaunlich, dass man in einen Sog gerät, sich immer weiter in den Wald hineinbegibt, die Eremiten in ihren Hütten kennen lernen möchte und wissen will, wie das Katz-und-Maus-Spiel endet. Möglicherweise, weil sich die Erzählung mit seiner dominanten  – wenn auch nicht immer geglückten – Bildsprache wie ein Groschenroman liest: Sie ist schnell, hart und blutig. Wie ein Horrordrehbuch, das noch nicht verfilmt wurde. Obwohl: Müsste das in der William-Gay-Vermarktungskette jetzt nicht auch mal anstehen?
 

William Gay, „Nächtliche Vorkommnisse“, Arche 2009,  286 Seiten, 19,90 Euro.  

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