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„Deutschland macht dicht“ von Dietmar Dath

Der eloquente Vielschreiber Dietmar Dath, der Bücher raushaut wie Platten, hat ein neues Buch geschrieben, und in dem ist es ein bisschen so, wie es ab Mitte der 70er Jahre war: Irgendetwas stimmt nicht. Handlungstechnisch gesprochen und in real. Auf den Straßen stimmt’s nicht. In der Politik stimmt’s nicht. Jobmäßig stimmt’s nicht. Und überhaupt ist das Leben irgendwie ziemlich auf den Hund gekommen. Herrlich!

In den Spät-70ern hat man „No future!“ gerufen und gegen das soziale Tollhaus angepunkrockt. Das hat zwar die Verhältnisse, die Missstände nicht unbedingt verbessert, aber wenigs­tens machte es Spaß, dabei gewesen zu sein. Jenen so rebellischen wie inspirierten Geist jener Jahre atmet auch Daths „Deutschland macht dicht“. Ein böser, ein witziger Abgesang auf die globale Unvernunft, den Krisenhunger, Weltmissmanagement, Raffgier, Neid und sonstigem Salat der Gegenwart – und Deutschland mittendrin!
Die Probleme sind exorbitant: Die Autoindustrie produziert unverkäufliche Karren am laufenden Band, „die großen Familienkaufhäuser schmolzen in der Sonne. Der nicht vermittelbare Arbeitsmarktnachschub roch strenger als der Butterberg“. Ebenso mittendrin in diesem Elend – die bunt zusammengewürfelten Protagonisten der in Mainhattan herumwütenden Story: die 15-jährige Rosalie Vollfenster, Tochter eines Herausgebers der „Erhabenen Zeitung“ (= FAZ), der gleich alte Niceboy Hendrik, dann Clea, Tochter einer umsatzgeilen Un­ternehmerin, und einer, der „der älteste Kommunist Deutschlands“ genannt wird. Es sind vier Menschen zweier Generationen, die in Dialog treten, voneinander lernen, sich verbünden, aufbegehren, gegen die Zustände anlachen und nach Rettung suchen unter der großen Käseglocke Deutschland.

Das politische, von Piwi illus­trierte Bilderbuch „Deutschland macht dicht“ ist „doof! Riesendoof! Weltüberdoof!“ Kurz: einfach klasse, radikal und giftig! Auf die Frage, ob sein Buch ein Schlüsselroman sei, da der Zeitungsherausgeber wohl Frank Schirrmacher sei, antwortete Dath auf der Leipziger Buchmesse clever: „Kein Schlüsselroman, eher ein Schüsselroman.“ Es steckt vieles drin.

Text: Andreas Burkhardt

(tip-Bewertung: Lesenswert)

Dietmar Dath „Deutschland macht dicht. Eine Mandelbaumiade“
,
Suhrkamp 2010, 201 Seiten, 17,80 Ђ

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