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Die Anstalt der besseren Mächen von Julia Zange

Julia ZangeMit den Protagonisten in Julia Zanges Roman „Die Anstalt der besseren Mädchen“ möchte man im Leben nichts zu tun haben – und in Büchern eigentlich auch nicht: Twentysomethings, die Acne-Jeans mit Löchern tragen, sich auf Künstlerpartys herumtreiben und Sperma im Mantel nach einer Ejakulation im Kino saukomisch finden. Der Saab fahrende Assistenzarzt Malte und seine lebensuntüchtige Freundin Loretta – „Lo-Baby. Klein, blond und problematisch“ – sind solche Geschöpfe. Sie kennen sich bereits aus ihrer Heimat, irgendwo in der hessischen Provinz, und leben in ihrer geschmackvoll eingerichteten Ber­liner Altbauwohnung in einer Art Symbiose. Malte  kümmert sich um Loretta. Er sagt ihr, was sie zu tun hat. Und Loretta braucht Maltes Anweisungen, um eine Orientierung zu haben. Sonst würde sie jeden Tag nur einsam durch die Straßen ziehen, fasziniert von all den Dingen, die es zu entdecken gibt. Loretta, kurz Lo, ist eine Loli­tafigur, verführerisch in ihrer Kindlichkeit, durchgeknallt und alles andere als verantwortungsbewusst. Ihr Motto lautet: „Das Leben ist zu kurz, um sich anzustrengen.“

Die 1983 in Darmstadt geborene Autorin Julia Zange, die 2006 mit zwei weiteren Kandidatinnen beim Open Mike gewann, beschreibt in ihrem Debüt lakonisch und fragmentarisch die Welt einer psychisch kranken jungen Frau, deren Festhalten an ihrer Mädchenhaftigkeit einen Exotenbonus garantiert und sie zugleich in einer seltsamen Starre zwischen Verweigerung und Sehnsucht gefangen hält: „Wenn es ein Leben gäbe, wäre ich gerne dabei.“ Nach der Geburt von Lorettas Tochter in der Umkleidekabine eines Dessousgeschäfts ist dieses Leben nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Tochter wird zur Konkurrentin der mädchenhaften Mutter, die mit dem Baby hoffnungslos überfordert ist.

Julia Zange_Die Anstalt der besseren MädchenEin seltsames Camp wird Lorettas Refugium. Ein Ort auf dem Lande, weich gezeichnet wie auf einem Foto von David Hamilton, an dem nur knabenhafte Nymphen mit ihren Kindern leben. Eine feminis­tisch-religiöse Gemeinschaft au­ßerhalb der Realität, in der fremd gestillt, lesbisch geliebt und vom Kunsthandwerk und der Natur gelebt wird. Eine Utopie, ein Traum, eine Fiktion, die Julia Lange auch nicht angestrengt in der schnöden Wirklichkeit zu verankern sucht, die am Ende natürlich obsiegt. Ihr Buch ist eine Mischung aus Popliteratur und Romantik, eigenwillig und ziemlich abgedreht, Mädchenfantasie und -hölle zugleich.

Text: Ralph Gerstenberg
Foto: Christoph Schemel

(Lesenswert)

Julia Zange „Die Anstalt der besseren Mädchen“, Suhrkamp Verlag, 158 Seiten, 15 Ђ

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