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Die beste Rache ist das gute Leben

Kennen muss man Sebastian Horsley hierzulande nicht. Seine Autobiografie „Dandy in der Unterwelt“ aber sollte Pflichtlektüre sein für jeden Hedonisten
 
Was für eine Demütigung. Sebastian Horsley ist von Gott, an den er noch nicht einmal glaubt, zurückgewiesen worden. Gott ließ ihn vom Kreuz fallen, an das Horsley sich in einem Ritual auf den Philippinen nageln ließ. Die Nägel rissen ihn Hände und Füße auf, er plumpste einfach runter. Weil Horsley, 47, zu schwer war. „Ich bin eine Katastrophe“ resümiert er.
 
Diese Kreuzigung und Sebastian Horsleys Fall ins Bedeutungslose bilden den Schluss- und Höhepunkt seiner Autobiografie „Dandy in der Unterwelt.“ Darin erzählt Horsley, der vormals Kolumnen für den „Independent“ schrieb, von seinen Erfahrungen als Callboy, von Crack, Heroin, Kunst und Sex. Hierzulande ist der Brite, dem im vergangenen Jahr die Einreise in die USA wegen „Moralischer Verkommenheit“ verweigert wurde, nahezu unbekannt. Das wird sich hoffentlich bald ändern. Dabei ist es gar nicht so sehr seine Autobiografie, die ihn so besonders macht (diese ist so unvorhersehbar dann doch nicht: Reicher Berufssohn rebelliert gegen Eltern, zieht von Glasgow nach London, rein in die Punkszene, immer genug Geld, um als „Künstler“ abzuhängen). Es ist vielmehr Horsleys so unfassbar reiche Sprache (Spitzenübersetzung: Andreas L. Hofbauer), die einen von der ersten bis zur letzten Seite fesselt: diese Mischung aus Selbstverachtung, bitterem Humor, Obszönität und Arroganz. Und natürlich die Tatsache, dass Horsley hervorragend über Kleidung doziert, und, wie sein Dandy-Vorbild Oscar Wilde, unverschämte Aphorismen abfeuert.
 
„Dandy“ funktioniert wie ein Ratgeber für Hedonisten – die mit Stil ins Verderben rennen. So Vieles lässt sich zitieren: „Der Krach in meinem Kopf begann schon Fremde zu stören“; „Ich glaube nicht an das Leben vor dem Tod“; „Gott hat die Homosexualität erfunden, um sicherzustellen, dass die wahrhaft Begabten nicht mit Bälgern belastet werden“; und, am besten: „Eines der vielen Probleme des Alterns besteht darin, dass es immer schwieriger wird, eine herausragende Persönlichkeit der Geschichte zu finden, die noch nichts erreicht hatte, ehe sie so alt war, wie man selber gerade ist“. Dieser eher beiläufig erzählte Gedanke zeigt auch, wie tragisch Horsleys Sucht nach Anerkennung ist: Es muss immer härter weitergehen. Würde er noch einmal leben, sagt Horsley, würde er wieder Crack und Heroin nehmen – nur noch früher und noch mehr davon. Bewundern muss man ihn für sein Leben nicht. Wie einer so werden kann, erzählt das Buch auch nicht – nur vom diffusen Motiv eines jeden Künstlers: Schau her, Mama! Aber durch sein öffentlich zelebriertes Scheitern wird der Menschenhasser doch noch zum Vorbild: als Mahner.
 

Sebastian Horsley, „Dandy in der Unterwelt: Eine unautorisierte Autobiographie“, Blumenbar 2009, 460 Seiten, 19,90 Euro.

Horsleys Kreuzigung: http://www.youtube.com/watch?v=p0n_ys40CrM&feature=related  
 
Lesungen: „Kleine Verlage am Großen Wannsee“ (Präsentation von 21 Verlagen, ab 15 Uhr), Literarisches Colloqium Berlin, Am Sandwerder 5, Zehlendorf, 18.7., Eintritt: 6 / 4 Euro; Kaffee Burger, Torstraße 58 / 60, Mitte, 20.7., 20 Uhr, Eintritt: 5 Euro.

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