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Die dunkle Unermesslichkeit des Todes

 

Carlotto_Massimo 

Das Buch fängt da an, wo andere aufhören: Ein schlecht geplanter Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft. Einer der beiden Täter erschießt zwei unschuldige Geiseln – eine junge Frau und ihren achtjährigen Sohn. Der Mörder wird verhaftet. Lebenslänglich lautet das Urteil. Doch der 1956 in Padua geborene Schriftsteller Massimo Carlotto interessiert sich nicht für die Entstehung und Ausführung der Gewalttat, sondern für deren Folgen.

 

Fünfzehn Jahre nach dem Doppelmord an seiner Frau und seinem Sohn ist Silvano Contin ein gebrochener Mann. Der ehemalige Weinhändler und Genussmensch besohlt Schuhe in einem Einkaufszentrum, ernährt sich von Fertiggerichten und geht einmal im Monat zu einer Prostituierten, die nicht zufällig die Ex-Geliebte von Raffaello Beggiato, dem Mörder seiner Familie, ist. Den Schmerz des Verlustes hat Contin niemals verwunden. „Die dunkle Unermesslichkeit des Todes“ liegt wie ein Schatten auf seinem Leben. Raffaelo Beggiato, der die Mordtat seinem mit der Beute geflohenen Komplizen angedichtet hat, ist inzwischen unheilbar an Magenkrebs erkrankt. Als er ein Gnadengesuch stellt, um nicht qualvoll im Gefängnis zu sterben, sieht Contin seine Chance gekommen, endlich Rache zu nehmen.

 

Massimo Carlotto erzählt aus Sicht des Täters und des Opfers eine Geschichte von Verbrechen und Strafe. Doch im Gegensatz zu Dostojewski gibt es bei ihm keinen Gott, der vergeben könnte. Unsentimental, mit der Wucht eines Faustschlags beschreibt er den atemraubend-brutalen Hergang eines Rachefeldzugs, in dem jede Bitte um Barmherzigkeit in höhnischem Gelächter erstickt.

 

Die Thriller Massimo Carlottos, der als Anhänger einer linksextremistischen Gruppierung in den siebziger Jahren zu Unrecht wegen Mordes verurteilt und nach sechsjähriger Haft und fünf Jahren auf der Flucht erst 1993 begnadigt wurde, kreisen immer wieder um die Dialektik von Schuld und Sühne. In „Die dunkle Unermesslichkeit des Todes“ gelingt ihm das Kunststück, die Perspektiven so geschickt ineinander zu verzahnen, dass die Handlung als logische Konsequenz einer dynamischen Wechselbeziehung von Täter und Opfer erscheint, deren Schicksale durch das Verbrechen untrennbar miteinander verbunden sind.

 

Text: Ralph Gerstenberg

 

Massimo Carlotto „Die dunkle Unermesslichkeit des Todes“, Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Tropen Verlag, 188 Seiten, 18,90 Ђ

 

 

 

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