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Die Eiergauner und die Nazis

In „Stadt der Diebe“ erzählt David Benioff, wie sein Großvater im Leningrad des Zweiten Weltkriegs auf eine tödliche Mission geschickt wird: Eiersuchen.

Die Erwartungen waren hoch: Nach seinem Debüt „The 25th Hour“, einer wütenden Auseinandersetzung dreier New Yorker mit ihrer Stadt nach Nine-Eleven (deren Verfilmung der Regisseur Spike Lee in seiner wohl lebensbejahendste Form zeigte) sowie seinem genial aufs Wesentliche reduzierten Drehbuch zu Wolfgang Petersens Illias-Version „Troja“, scheint auch David Benioffs neuester Stoff spektakulär. In „Stadt der Diebe“ erzählt Benioff die Lebensgeschichte seines Großvaters Lew, der, im Winter Leningrads von 1942, beim Leichenfleddern ertappt und von den eigenen Truppen vor die Wahl gestellt wird: Galgen oder Gefallen für den Oberst. Der Gefallen: im zerstörten Leningrad zwölf Eier auftreiben für die Hochzeitstorte der Oberst-Tochter. Die Suche führte den damals 17-jährigen Lew auch in Nazi-Gefangenschaft.

leningrad

Leider ist der Geschichte anzumerken, dass Benioff in Gedanken bereits am Drehbuch arbeitete. Die Figuren seines tragikomischen Romans sind gegensätzlich angelegt, damit es nonstop zu Humoroffensiven kommt: Lew ist ein Junge ohne Chance bei den Frauen (und verliebt sich ausgerechnet in eine rothaarige russische Scharfschützin), dafür ein begnadeter Schachspieler (wird noch wichtig). Sein Buddy in diesem Buddy-Roman ist Kolja, ein Weiberheld, der selbst im Fadenkreuz eines Gewehrs noch Tolstoi zitiert. Aber einem Charakter, der so verteufelt liebenswert und halsbrecherisch angelegt ist wie Kolja, steht das Schicksal leider ins Gesicht geschrieben. Seinen letzten Seufzer haben schon tausende todgeweihte Casanovas vor ihm ausgestoßen: „So hatte ich mir das nicht vorgestellt“.

Weitere Szenen sind wie Filmsequenzen arrangiert. Etwa als Lew und Kolja bei ihrer Eiersuche in das Schlachterhaus eines Kannibalens geraten. Auch Nazis dürfen nicht fehlen. Natürlich in Actionszenen. Hier sind sie, völlig ärgerlich, keine ausgearbeiteten Figuren, sondern Statisten für den Showdown. Denn in Gefangenschaft geraten, darf Lew um sein Leben spielen – natürlich in einer Schachpartie gegen den Obernazi, wodurch der verträumte Eiergauner endlich seinen wichtigen Auftritt erhält. Am Ende wird wieder geballert.

„Denk Dir was aus“, riet der Großvater, wie Benioff im Vorwort schreibt, seinem Enkel vor Beginn seiner Erzählung. Erledigt.


David Benioff, „Stadt der Diebe“, Blessing, 384 Seiten, 19,95 Euro.

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