• Kultur
  • Bücher
  • „Die Kinder der preußischen Wüste“ von Klaus Pohl

Bücher

„Die Kinder der preußischen Wüste“ von Klaus Pohl

die kinder der preussischen wueste200.000 Dollar bot ein New Yorker Agent dem gerade aus der DDR in den Westen übergesiedelten Thomas Brasch für dessen Lebensgeschichte: In den zwölf biografischen Zeilen auf der Umschlagseite von Braschs bekanntem Erzählband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ stecke der Stoff für einen Roman von mindestens 800 Seiten. Aber der am 3. November vor zehn Jahren verstorbene Dichter hat den Roman seines Lebens nie geschrieben. Dafür legt nun sein Freund und Weggefährte Klaus Pohl einen Schlüsselroman von immerhin knapp 500 Seiten über den bis zur Selbstzerstörung unbequemen Poeten, Dramatiker und Regisseur vor, der wie kaum ein anderer die Zerrissenheit seiner Generation zu verkörpern schien.

Geboren wurde Thomas Brasch, der in Pohls Buch Robert Papst heißt, 1945 in London. Sein Vater machte in der jungen DDR politisch Karriere, steckte den Sohn in eine Kadettenschule der Nationalen Volksarmee. Doch aus dem Heranwachsenden wurde ein renitenter Rebell, der 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei protestierte und dafür im Knast landete. Nach einem Publikationsverbot blieb 1976 nur die Übersiedlung in die BRD. Klaus Pohl verknüpft die Geschichte von Thomas Brasch mit der von der rumänischstämmigen Sängerin Sanda Weigl, Braschs erster Liebe und Pohls Ehefrau. So entsteht ein mehrstimmiges poetisch-episches Zeitbild, teilnahmsvoll und atmosphärisch dicht an den Tatsachen entlang erzählt von jemandem, der weiß, wovon er schreibt, und das Kunststück fertigbringt, sich selbst in einem Roman auftreten zu lassen, ohne dass das peinlich wird.               

Text: Ralph Gerstenberg

tip-Bewertung: Herausragend

Klaus Pohl: „Die Kinder der preußischen Wüste“ Arche Verlag, 496 Seiten, 24,90 Ђ

Mehr über Cookies erfahren