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18. Poesiefestival Berlin

„Die Lyrik ist heute ­entspannter“ – Gespräch mit dem Dichter Steffen Popp

Der Dichter Steffen Popp über seinen Gedichtband „118“, das Poesiefestival und die Bedeutung von Lyrik heute

Foto: Renate von Mangoldt

tip Herr Popp, Sie waren mit Ihrem Buch „118“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Titel bezieht sich auf das Periodensystem. Wie kamen Sie darauf?
Steffen Popp Die 118 bezeichnet die Zahl der Elemente, die zur Zeit nachgewiesen sind. Das Periodensystem ist die Ordnung, die allem zugrunde liegt – alles besteht aus diesen Elementen. Mich interessierte, was auf einer ganz anderen Ebene für mich „elementar“ ist. Die Gedichte des Buches befassen sich also mit sehr subjektiv ausgewählten Begriffen – da gibt es Monster, Beton oder Waldwege. Alles besteht aus diesen Elementen, das ist der Zusammenhang. „Schreib dich weiter, an Dickhäutern / die Elf und Phantom, Aleph und / Ameise sind…“, heißt es im Gedicht „Elefant“.

tip Sie sprengen dabei naturwissenschaftliche ­Ordnungen.
Steffen Popp Naturwissenschaft und Technik kommen schon immer wieder vor, weil sie zu meinem Leben selbstverständlich dazugehören. Es geht mir um elementare Wahrnehmung. Dazu gehören die antiken „Elemente“ Feuer, Wasser, Erde und Luft. Aber wie schon gesagt, vieles andere folgt dann meiner subjektiven Auswahl, etwa Gedichte zu Kresse, Schaum oder Lesezeit.

tip Auch allerhand Magisches kommt vor.
Steffen Popp Das Magische und das Subjektive sind ja eng miteinander verbunden und gerade in der Lyrik schon immer wichtige Themen. Dichtung bezieht sich darauf, wenn sie Gegenstände und Vorstellungen miteinander verknüpft, die auf den ersten Blick sehr weit auseinanderliegen. Es gibt immer mehr Menschen, die Lyrik
schreiben, immer mehr Gedichte und Gedichtbände. Das hat, denke ich, auch damit zu tun, dass man im Gedicht komplexe Bewegungen machen kann, die mehr mit der Komplexität unserer Welt zu tun haben als linearer Text.

tip Es gibt auch immer mehr Leser.
Steffen Popp Ich denke, das liegt auch daran, dass sich die Lyrik gerade in letzter Zeit stark weiterentwickelt hat. Es ist eine größere Lockerheit da als noch in den 90ern. Die Lyrik ist entspannter, beweglicher und dabei nicht weniger intelligent; sie interessiert sich viel mehr auch für poesieferne Dinge. Das wird dann manchmal ziemlich komplex – aber das galt ja schon immer: Gute Texte fordern ihre Leser heraus.

tip Sie sind Herausgeber der Lyrikanthologie „Spitzen“, die demnächst bei Suhrkamp erscheint. Wie trifft man so eine Auswahl?
Steffen Popp Subjektiv. Jeder denkt doch beim Durchblättern einer Anthologie: Das hätte ich selbst ganz anders gemacht. Deswegen dachte ich, eine Anthologie zu machen, die auf dieses „selbst“ radikal setzt. Kurzum – ich nehme nur Gedichte auf, die mich wirklich geflasht haben.

tip Die Berliner Lyrikszene ist renommiert. Wie kommt es, dass so viele Lyriker hier leben?
Steffen Popp Die wenigsten sind ja in Berlin geboren – aber das gilt nicht nur für die Lyriker, denke ich. Vor allem in den 90ern und Nullerjahren war Berlin ein toller Ort für Kunst und Diskurs. Davon profitieren wir bis heute. Je mehr Geld in die Stadt fließt, desto schwieriger wird es natürlich. Aber die Substanz ist immer noch ziemlich gut, und es gibt heute auch von der Stadt mehr Mittel für die Literatur. Vorteilhaft ist, dass Berlin groß genug ist, um sich aus dem Weg zu gehen. Gleichzeitig bietet die Stadt alle Möglichkeiten, gemeinsame Sachen zu machen.

tip Welche Bedeutung hat das Poesiefestival für Sie und Ihre Kollegen?
Steffen Popp Es ist ein großer Treffpunkt, fast ein Branchentreffen, aber keine Messe. Es ist toll, wichtige Dichter aus aller Welt live zu hören, und das ist ja noch längst nicht das ganze Programm. Eine enorme Bandbreite innerhalb von wenigen Tagen. Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, Poesie in ihrer ganzen Vielfalt zu erleben.

118. Gedichte von Steffen Popp, Kookbooks, 144 S., 19,90 €

18. poesiefestival berlin

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