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Die Ökonomie in Sprechblasen – Comics zur Wirtschaftslage

Das Überleben der Spezies

Der Comicmarkt in Deutschland wächst und differenziert sich zunehmend aus. Neben den Serien und Fortsetzungsgeschichten, Comicreportagen und Graphic Novels entsteht mit dem Sachcomic ein neues Genre. Es ist der leichteren Vermittlung komplexer Sachverhalte gewidmet. Wie etwa der gerade mit einem Lead Award ausgezeichnete Zeitungscomic „The Astonishing Tales of the Time Travelling Woman“, in der Bundes­kanzlerin Angela Merkel die Vordenker der Ökonomie zur Finanzkrise, Staatsverschuldung und Inflation befragt.
Sachcomic kann aber auch ordentlich in die Hose gehen, wie der von einem vielköpfigen Autoren-Zeichner-Kollektiv vorgelegte Klimawandelcomic „Die große Transformation“ belegt. In neun Kapiteln werden darin fachwissenschaftliche Monologe in immer gleicher Weise inszeniert. Auf dem Weg zur Arbeit oder einer Konferenz dozieren die jeweiligen Experten über die bereits sicht­baren und absehbaren Auswirkungen des mensch­gemachten Klimawandels, um mögliche Handlungs­optionen aufzuzeigen. So wichtig das Thema und richtig die Argumente sind, so sperrig liest sich das Werk. Die technischen Texte können auch vom zehnseitigen Glossar nicht aufgefangen werden, die hölzernen Zeichnungen illustrieren die wissenschaftlichen Fakten nur dürftig. Ähnlich verhält es sich mit den „Infocomics“ bei TibiaPress, wo inzwischen über 20 illustrierte Publikationen vorliegen. Zwar mögen die Abhandlungen über Logik, Nietzsche oder Teilchenphysik leichter daherkommen als ein Fachbuch, als Comics aber sind sie nicht zu gebrauchen.

Die Entstehung der Weltwirtschaft

Zwei Wirtschaftscomics beweisen, dass es auch anders geht. Die beiden US-Amerikaner Michael Goodwin und Dan E. Burr haben mit „Economix. Wie unsere Wirtschaft funktioniert (oder auch nicht)“ einen Comic-Bestseller verfasst, der sich bereits in der vierten Auflage befindet. Darin erklären sie aus US-amerikanischer Perspektive die Entstehung der Weltwirtschaft und ihren jüngsten Zusammenbruch. Goodwin reist als Erzähler mit seinen Lesern durch die Jahrhunderte, immer der Krise entgegen, um die Ideen der großen Wirtschaftstheoretiker wie Adam Smith in den Umständen ihrer Zeit zu erklären. Allerdings leidet der Comic unter einer enormen Textlastigkeit, die der subtile Humor von Dan E. Burrs „MAD“-ähnlichen Zeichnungen nur begrenzt ausgleichen kann.
Der mit Abstand beste Sachcomic des Jahres ist die geniale Seifenoper „Das Überleben der Spezies“. Diese „kritische, aber nicht ganz hoffnungslose Betrachtung des Kapitalismus“ des belgischen Wirtschaftskolumnisten Paul Jorion ist eine glänzend-amüsante Aufarbeitung der Finanzkrise und ihrer Ursachen, die der französische Zeichner Grйgory Maklиs herausragend in Comicform übertragen hat. Vom Text-Bild-Verhältnis über die perfekte Bildsprache bis hin zur Übersetzung hochkomplexer wirtschaftstheoretischer Fakten in verständliche Informationshäppchen passt hier einfach alles. Jorion und Maklиs entlarven mit Lego-Figuren und Monopoly-Logik gewitzt die Rollen und Verhaltensweisen des Menschen im Kapitalismus und zeigen, was die Finanzwelt im Innersten zusammenhält.

Text: Thomas Hummitzsch

Economix, Michael Goodwin, Dan E. Burr, Jacoby & Stuart, 304 S., 19,95 Ђ
Das Überleben der Spezies, Paul Jorion, Grйgory Maklиs, Egmont Graphic Novel, 120 S. 24,99 Ђ
Die Große Transformation, Alexandra Hamann u.?a. Jacoby & Stuart, 144 S., 14,95 Ђ

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