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„Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“

alina_bronskyAlina Bronsky hat einen großen Vorzug: Sie meidet die Sentimentalität. Bronsky, 1978 im asiatischen Teil der Sowjetunion geboren, in Südhessen aufgewachsen, schreibt zügig und ironisch, auch wenn die angespannte Lage ihres Personals diesen Humor nur selten hergibt. Sie setzt auf ein Matriarchat, freilich ein resolutes, machtorientiertes, das nur wenige Unterschiede aufweist zu den Posen in der Männerwelt.

Es geht um Rosalinda, tatarische Russin, eine Frau, die sich zu jung fühlt, um Großmutter zu werden. Aber Sulfia, ihre Tochter, ist schwanger, von wem, das weiß Sulfia selber nicht. Rosalinda zweifelt ohnehin an der Geschichte, sie glaubt nicht, dass es einen Kerl gibt, der ihre Tochter mag. Sie, Rosalinda, mag sie schließlich auch nicht. Bronsky packt dieses Unbehagen nicht in Watte, sie setzt auf einen schnurgeraden Ton, der nichts zwischen den Zeilen lässt. Alles ist hier explizit, die ersten Sätze dieser Rosalinda – sie ist die Ich-Erzählerin – senken die Temperaturen des Romanes, dem zweiten von Alina Bronsky (nach „Scherbenpark“, 2009), deutlich. Die Tochter beichtet, dass sie ein Kind bekomme, die Mutter blafft: „Und das, obwohl ich sie von klein auf gelehrt hatte, wie man weint, ohne hässlich zu werden, und wie man lächelt, ohne zu viel zu versprechen.“

Rosalinda ist eine resolute Dame, wahlweise auch ein Drache, doch irgendjemand muss den Laden ja zusammenhalten. Als sie die kleine Aminat in Armen hält, das Kind der Tochter, zeigt Rosalinda erstmals Rührung. Die Enkelin wächst heran, die drei Frauen siedeln aus nach Deutschland. Das alles ist nicht lustig. Sulfia lebt mit einem pädophilen deutschen Mann zusammen, doch Bronskys Ton bleibt leicht, Rosalindas rohem Temperament zum Trotz. Abhängigkeit, Cholerik, Trauer – alles wird lakonisch aufgefangen. Denn das ist Bronskys hohe Kunst: psychologisch, doch mit einem Augenzwinkern zu erzählen. Denn der Schrecken ist immer relativ.

Text: Lars Grote

Foto: Mira/Plainpcture

tip-Bewertung: Lesenswert

Alina Bronsky „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“, Kiepenheuer & Witsch, 319 Seiten, 18,95 Ђ  

Lesung
Lichtburgforum, Behmstraße 13, Wedding, Do 11.11., 19.30 Uhr

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