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„Die Ungehaltenen“ von Deniz Utlu

utluElyas’ Stadt besteht aus zwei Straßen. Die eine führt ins Hühnerhaus, wo er immer dann halbe Hähnchen bestellt, wenn er vor Hunger fast umfällt. Die andere führt zu Onkel Cemal, der ihm Geschichten davon erzählt, wie er und sein Vater die neue Heimat in Besitz nahmen. Elyas’ Stadt, das ist Berlin, seine Straßen liegen in Kreuzberg.

In dem Roman „Die Ungehaltenen“ von Deniz Utlu sind 50 Jahre vergangen seit dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei, das auch die Eltern von Elyas nach Berlin brachte. Dem jungen Deutschtürken sind seine Rolle in dieser Geschichte und das leere Gerede über Integration zu viel. Er sieht vor allem, wie seine Elterngeneration erst die türkische Heimat verliert und wie dann die neue Heimat vor ihren Augen langsam ausradiert wird. Auf deren Spur streift er durch ein bröckelndes Kreuzberg, das dem Gentrifizierungswahn verfällt, kauft für den kranken Vater ein, lauscht den immer gleichen Geschichten des Reisebüroleiters, studiert Jura. Und er versucht seinen Platz zwischen Verantwortung und Leichtigkeit zu finden.

Seine Mutter nennt ihn einen Intellektuellen, aber auch dieser Anzug will ihm nicht so richtig passen. Auf Dächern und Balkonen sitzend, mal Tee, mal Whisky trinkend, mal in Deutschland, mal in Istanbul, jongliert Elyas mit Ideen, lernt die junge Ärztin Aylin kennen. Auch sie kennt diese dumpfe Traurigkeit, die sie nur gemeinsam abstreifen können.

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Poetisch entwirft Deniz Utlu als Generationenporträt, Roadnovel und Berlin-Roman eine eigene Welt, in der nichts konstruiert und alles magisch scheint. Dass der Migrationshintergrund kein klischeehaftes Accessoire bleibt, macht „Die Ungehaltenen“ zu einem großartigen Debüt, bei dem man nie daran zweifelt, dass der Autor weiß, wovon er schreibt. Deniz Utlu steht selbst mit einem Bein in der Berliner Kulturszene, mit dem anderen im Deutschen Institut für Menschenrechte. Die Lesereihe, die er am Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg kuratierte, wird seit 2013 am Gorki-Theater fortgesetzt.

Text: Milena Fee Hassenkamp

tip-Bewertung: Herausragend

Deniz Utlu: ?“Die ungehaltenen“ Graf Verlag, 240 Seiten, 18 Ђ

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