Die verspielte Revolutionärin

Nadja Tolokonnikowa

Die verspielte Revolutionärin: Nadja Tolokonnikowa

Es gab nur wenige historische Momente, in denen Pop und Protest kongenialer zusammenliefen, als im Auftritt der feministischen Punkband Pussy Riot am 21. Februar 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale. Drei jungen Frauen, in schrill-bunter Kleidung und mit Strickmützen, die den gesamten Kopf verhüllten, trugen in einer Guerillaaktion ein „Punk-Gebet“ vor. Einen herausgeschrienen Punksong in dem sie das autokratische Putin-Regime und die orthodoxe Kirche bis aufs Äußerste kritisierten. Das Video von dem Spontankonzert vor dem Altar ging um die Welt, Millionen Menschen schauten es an, sämtliche internationalen Medien berichteten und von Madonna bis Peaches, von Paul McCartney bis Hillary Clinton, solidarisierten sich Prominente in der westlichen Welt mit den Provokateurinnen. Pussy Riot wurden zum popkulturellen Symbol der Putin-Kritiker, sie gaben der Opposition ein Gesicht und Nadja Tolokonnikowa wurde zum Gesicht von Pussy Riot.

Eine schöne junge Frau, die mutig und humorvoll gegen einen allmächtigen Gegner ankämpfte. Das gefiel, das ließ sich erzählen.
In ihrer Heimat hat die freundliche Resonanz aus dem Ausland der Gruppe freilich wenig geholfen. Kurz nach der Aktion wurden Nadja Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Marija Aljochina verhaftet und wegen Vandalismus, Störung der öffentlichen Ordnung, der Verletzung religiöser Gefühle und weiterer staatsgefährdender Vergehen zum Arbeitslager verurteilt. Zwei Jahre verbrachte die zu dem Zeitpunkt 24-jährige Tolokonnikowa im Straflager IK-14 in der mordwinischen Provinz, wo sie Polizeiuniformen nähen musste und in den Hungerstreik trat, um sich für bessere Haftbedingungen einzusetzen.
All das zeichnet sie akribisch in ihrem soeben auf Deutsch erschienen Buch „Anleitung für eine Revolution“ nach. In kurzen, durchgängig nummerierten Absätzen legt sie Zeugnis ab, dokumentiert und reflektiert ihren politischen wie künstlerischen Werdegang. Sie gibt Einblick in die post-sowjetische Wirklichkeit, die Unterdrückungsmechanismen und moralischen Abgründe und in biografische Schlüsselsituationen, die sie in der Konsequenz zum Protest führten und aus ihr eine subversive Kämpferin für die Meinungsfreiheit formten. Punk und Feminismus, Happening- und Aktionskunst, die Auflehnung gegen autoritäre und patriarchalische Strukturen, das Erbe radikaler Frauenrechtlerinnen, Philosophen und nicht zuletzt die Popkultur wirkten auf sie ein, genauso aber Kapitalismuskritik und gender politics. Tolokonnikowa und ihr Umfeld, zu dem auch die radikale Künstlergruppe „Woina“ (Krieg) gehörte, entwickelten mit diesem Rüstzeug ausgestattet eine eigenständige Protestkultur, die gleichermaßen in der Tradition russischer revolutionärer Bewegungen stand, den Avantgarde-Gedanken in sich trug aber die Nähe zum Pop nicht scheute. Eine Mischung aus Trotzki, Valie Export und Missy Elliot. 

„Große Kunst, große Politik, selbst große Liebe, können nur entstehen, wenn man bereit ist, sich für seine Überzeugungen zu opfern“, sagt Tolokonnikowa im Laufe des leicht skurrilen Abends im ausverkauften Maxim Gorki Theater. Mit schwarzen Lippenstift, stark geschminkt und in grellem Outfit stellte sie sich, durchweg russisch sprechend und simultan übersetzt, den Fragen von Michail Ryklin. Der Moderator Ryklin, ein gut doppelt so alter russischer Intellektueller im Berliner Exil, der sich mit analytischen Publikationen zum System Putin, der Oktoberrevolution und dem Totalitarismus einen Namen gemacht hat, befragte in seiner charmant-versponnenen Art und Weise den Star des Abends derart sperrig und überkomplex, dass man allein schon ob der Interaktion zwischen den beiden schmunzeln musste.
Zwar schien ihm Tolokonnikowa wohl sympathisch und er wird ihre Haltung und Aktionen begrüßt haben, verstanden hat er sie nicht. Ihre Ironie und Gelassenheit, ihre provokanten Ausführungen, ihre messerscharfe Intelligenz, die listige Oberflächlichkeit, das mädchenhaft Naive, die schmerzvolle Intensität, die kompromisslose Ehrlichkeit, die radikale Liberalität, ihre flirtende Art, und ihre absolute Bekenntnis zu Russland als Heimat und ihrer Familie, zu ihrem Mann, dem Vater und ihrer Tochter und schließlich die, ihr gesamtes Wesen umfassende Verspieltheit. Vielleicht ist Verspieltheit der Schlüssel zu dem mehr als vielschichtigen Charakter von Nadja Tolokonnikowa, der Grund für ihren Mut und ihre Widerspenstigkeit, ihr Ausharren und die Kraft, mit der sie trotz der Angriffe, Lagerhaft und Hungerstreik immer weitermacht und standhaft bleibt und das alles mit gerade mal 26 Jahren.

Nadja Tolokonnikowa und Shermin Langhoff

Am Ende der Buchpräsentation wird sie mit tosendem Applaus verabschiedet, sie lächelt kurz und verschwindet hüpfend von der Bühne und bei allem Eindruck, den diese imposante junge Frau hinterlassen hat, schwebt ein wenig Wehmut im Raum. Denn jenseits von der Freude am Diskurs und der Tatsache, einen Popstar der internationalen Protestkultur live erlebt zu haben, bleibt die Frage, welchen Sinn ihr Kampf hat, ob er nicht vergeblich ist. Herrscht Putin nicht unangefochten in Russland, sind die Massenproteste gegen ihn nicht längst erloschen? Und kommen nicht überall in der Welt gerade jene autoritären Populisten, gegen die sie so vehement ankämpft, an die Macht? Orban in Ungarn, Kaczynski in Polen, Erdogan in der Türkei. In Frankreich holt der Front National ein Drittel der Stimmen, gerade hat die AfD hierzulande für einen Rechtsruck gesorgt und in den USA steht Trump in den Startlöchern. Von den Realitäten in China, Afrika oder der arabischen Welt ganz zu schweigen. Global betrachtet steht es gar nicht gut um Freiheit, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Grundwerte. Man bräuchte eine Armee von Nadja Tolokonnikowas, um gegen diese Kräfte zu bestehen. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt heißt es, und Tolokonnikowa ist eine Hoffnungsträgerin.

Fotos: Denis Sinyakov, Andrй C. Hercher
Anleitung für eine Revolution von Nadja Tolokonnikowa, Hanser Berlin, 224 S., 17,90 Euro

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