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Diese merkwürdigen kleinen Hefte

Diese merkwürdigen kleinen Hefte
Die kleinen Hefte liegen in kleinen Stapeln neben der Kasse oder werden in Kramkisten feilgeboten. Meist sind die selbst kopierten Blätter geklammert, hin und wieder findet man aber auch Exemplare mit liebevoller Fadenheftung. Die Rede ist von Smallpress und Minicomics, von (Comic-)Zines und DIY-Comics. Die Abkürzung steht für Do it yourself, denn die unkommerziellen Blättersammlungen werden gemeinhin in kleiner Auflage am Kopierer selbst produziert. Von weird-sexistisch bis kunstvoll-avantgardistisch hält dieses anarchistische Medium alles bereit, was man sich vorstellen kann.
Nur wenige kennen die Berliner Szene so gut wie ­Carolin Wedekind, die das wichtigste Treffen der Berliner Zinester – so nennen sich die Verfasser der DIY-Heftchen –, das Zinefest Berlin, organisiert. Genau kann sie nicht sagen, wie viele Leute in Berlin Zines machen, sie schätzt die Aktiven auf eine mittlere dreistellige Zahl. Zum letzten Zinefest im November kamen sogar fast 1?000 Menschen. Um Geld gehe es dabei nicht, das Ganze sei ein schönes Hobby, von dem sich manche mehr erhoffen. Und einige auch mehr schaffen, erklärt Wedekind. Die meisten wollten aber einfach nur das „merkwürdige kleine Heft machen, bei dem einem niemand reinredet“.
Zines zu machen scheint so etwas wie die Abendschule des Comiczeichners zu sein. Nicht nur, weil die meisten Zeichner ihre Heftchen neben einem Brotjob produzieren, sondern auch, weil es kaum etablierte Künstler gibt, die nicht bei den selbst gebastelten Heften angefangen haben. Mawil, Fil, Isabel Kreitz, Reinhard Kleist, Ulli Lust, ATAK – sie alle fingen mit Zines und Anthologien an – und die wenigsten haben damit aufgehört.
Das Festival Comicinvasion Berlin, das dieses Jahr am 18. und 19. April im Urban Spree stattfindet, veranstaltet einen eigenen Zine-Wettbewerb, um all denen Aufmerksamkeit zu verschaffen, die „allein zu Hause rumsitzen, Storys kritzeln und dabei denken, dass sich das am Ende eh keiner anschaut“, wie Organisator Marc Seestaedt erklärt. Darunter befänden sich Schätze, die man schon deshalb zeigen müsse, „weil sich Jurys ungern mit unbekannten Namen befassen“.
Bekannt oder unbekannt, das spielt in Zine-Zentren wie dem Kreuzberger Archiv der Jugendkulturen oder der Comicbibliothek Renate in Mitte keine Rolle. Renate ist das Herz der Berliner Comiczine-Szene. Hier findet man nicht nur die „Jugendsünden“ von Mawil und Co, sondern auch die wichtigsten DIY-Neuerscheinungen.
Im Künstler- und Freundeskreis der Comicbibliothek tummeln sich einige der vielversprechendsten Zinester. Andere – wie Anna Haifisch , Sharmila Banerjee oder die Macher der sehenswerten Edition Biografiktion – gehören zum über die Szene hinaus angesehenen Comic-Kollektiv Treasure Fleet, begründet vom Comiczeichner Till Thomas. Gelungene Zines und Minicomics könnten in keiner anderen Form existieren, sagt Thomas, „weil sich hier unmittelbarer, kompromissloser arbeiten lässt“.
Wer sich auf neugieriges Stöbern einlässt, kann echte Schätze und Raritäten entdecken. Die Chancen sind in gut sortierten linksalternativen und unabhängigen (Design-)Buchläden ganz gut. Noch besser sind sie an den einschlägigen Umschlagplätzen für ungewöhnliche Lektüren in Mitte und Kreuzberg wie dem Neurotitan sowie den Comicbuchhandlungen Modern Graphics und Grober Unfug. Oder man geht am besten gleich zu Renate.

Text: Thomas Hummitzsch

Foto: Fred Sochard, Cordel Cheminot

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