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Dirk Brauns Romandebüt „Im Inneren des Landes“

Vor der Vergangenheit kann man nicht davonlaufen. Dirk Brauns weiß das. Er ist weit gegangen. 1993 gewann er beim Bachmann-Preis das 3sat-Stipendium und erklärte den Juroren, dass er weder Kafka noch Döblin oder Dostojewski gelesen habe. Abgeschreckt vom Rummel in Klagenfurt zog er sich aus dem Literaturbetrieb erst mal zurück. Wanderte durch die Welt. Brachte 1997 das Buch „Berlin – München. Zu Fuß“ heraus. Und arbeitete als Korrespondent in Peking und Warschau. Mit „Im Inneren des Landes“ erscheint jetzt sein spätes Romandebüt.

Stefan Brenner vegetiert dahin wie eine Schnecke, „die ihr Vorleben hinter sich herzieht wie eine Schleimspur“. Nach der Wende prüft er Autohäuser. Als er seiner „Ostkompetenz“ wegen nach Eggesin geschickt wird, holt ihn sein früheres Leben ein. Widerwillig kehrt er an den Ort zurück, an dem er den Dienst bei der NVA absolvierte und Kamerad Viktor verlor, der Selbstmord beging. Die Schuld daran gibt er Ingo Kern, ehemals Hauptmann, der Viktor mit Sonderdiensten und Stubenarrest schikanierte, nur weil der herausgefunden hatte, dass Schießergebnisse frisiert wurden, um den Titel „Beste Einheit“ nicht zu gefährden.

In der ehemaligen Kasernenstadt angekommen, geht Brenner auf Konfrontationskurs. Nur so meint er sein Trauma überwinden zu können. Als er Kern aufsucht, der seiner „Führungsqualität“ wegen nach dem Mauerfall Personalmanager bei der Bahn wurde, kommt es zum Eklat. Das Treffen endet für einen der beiden tödlich.

Es ist eine Geschichte um Opfer und Täter. Wie Brauns sie aber erzählt, ist spannend bis zur allerletzten Seite. Am Anfang fällt ein Schuss. Als Countdown schildert der 1968 in Ostberlin geborene Autor die letzten Stunden vor dem Zusammenprall aus den wechselnden Perspektiven der beiden Protagonisten. Kleine, lebendige Anekdoten machen den rasenden Roman authentisch.

So nähert sich Brauns der Garnison Eggesin ganz anders als die Schriftstellerin Julia Schoch, die dort aufwuchs und ihren Roman „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“ von 2009 ebenfalls dort ansiedelte. Bei Brauns ist es kein poetisches Erinnern, vielmehr eine Abrechnung. Ein Racheakt. Julia Schoch taucht in Brauns Buch übrigens auf. Frau Blumenhagen heißt sie darin, ist Schriftstellerin und kommt gar nicht gut weg.

tip-Bewertung: Welf Grombacher
Foto: Max Lautenschläger
tip-Bewertung: Lesenswert

Dirk Brauns: „Im Inneren des Landes“ Galiani, 224 Seiten, 16,99 Ђ

Buchpremiere
Mi 12.9., 20 Uhr
Palais am Festungsgraben, Saarländische Galerie, Am Festungsgraben 1, Mitte

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