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Disko und Porno im Bunker

Liao Yiwu

Wie schaffen Sie es, dass Ihnen die Interview-Partner so viel Persönliches offenbaren?
Liao Yiwu: Menschen am Rand der Gesellschaft werden normalerweise nicht interviewt, aber man kann mit allen plaudern und stellt fest: Da redet jemand darüber, wie er die Person geworden ist, die er ist. China ist eine Müllkippe, aber auch ein Imperium der Geschichten. Wunderbare, schreckliche, gespenstische Geschichten.
Warum haben Sie sich als Dichter überhaupt für eine dokumentarische Form entschieden, statt die Geschichten stärker zu fiktionalisieren?
Aus meinen Gefängnis-Erfahrungen habe ich eine andere Facette Chinas kennengelernt. Ich bin von einem Dichter zu einem Reportage-Literat geworden.
Worin liegt der Unterschied zu Ihrem ersten Interviewbuch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“?
Das erste Buch handelt von älteren Menschen, die eine enge Verbindung zur Tradition haben. Sie besaßen noch Hoffnungen, Ideale. Das neue Buch beschreibt die gegenwärtige chinesische Gesellschaft. Viele Leute rätseln: Was ist los mit diesem Land? Es schreibt diese erstaunlichen Wirtschaftszahlen, ist andererseits im Kern eine eitrige Gesellschaft. Jedes einzelne Menschenleben in meinem Buch ist eine Miniatur dieser Gesellschaft. Es gibt da etwa einen Geldeintreiber, der die verrückt gewordene Mutter seines Schuldigers entführt. Der sagt aber nur: Machen Sie mit ihr, was Sie wollen. Der Eintreiber ist fassungslos. So betrachte ich auch die chinesische Regierung: Sie denkt, sie hätte eine Methode gefunden, das Land zu führen. Aber sie erntet viele verrückte Phänomene. Dieses Imperium, China, muss auseinanderbrechen.
Sind die beiden titelgebenden Geschichten von der Tänzerin und dem Koch besonders repräsentativ? Was können wir von einer Prostituierten über China lernen?
Dongdong heißt eigentlich Kellerlein. Gemeint sind die Atom-Bunker der Mao-Zeit: Heute sind viele dieser Bunker Diskotheken, auch Bordelle. Die Bunker sind noch dieselben, aber die Zeiten haben sich geändert. In der Geschichte bringt ein Mann seine Frau zu einem Bunker, damit sie sich prostituiert. Er kennt keine moralische Barriere. Das ist beispielhaft für den Wandel in China.
Die Geschichte vom Sichuan-Koch habe ich in einem sehr hohen literarischen Stil geschrieben, um die jahrtausendalte Kochtradition spürbar zu machen. Aber gleich die nächste Geschichte handelt von einem Restaurant-Besitzer, der ein vergiftetes Öl verwendet. Konfuzius hat einmal gesagt: Wenn moralische Werte verdorben sind, verdirbt alles, auch Essen und Medizin.
Wie funktioniert Ihre Technik?
Die chinesischen Klassiker waren meine Trainer. In meiner Reportage-Literatur erzähle ich kurz und knapp. Bei den Interviews versuche ich die Gesprächsatmosphäre zu fassen, auch durch die lokalen Dialekte. Die Geschichte „Der Sichuan-Koch“ etwa ist sehr kurz, aber die Bedeutung dahinter muss man als Leser erst noch extrahieren.
In manchen Geschichten kommen Sie selbst auch stärker zu Wort …
Manchmal muss ich aktiv provozieren, etwa in der ersten Geschichte: Ein Mann hat sich mit allen möglichen Religionen auseinandergesetzt, ist jetzt enttäuscht und deprimiert. Ich musste ihn erst zum Reden bewegen. Das ist übrigens typisch China: Man möchte glauben, kann aber nicht. Andererseits gibt es auch Interviews, bei denen ich nur still zuhöre, etwa bei der Gemüsehändlerin. Sie erzählt von einem Fahrrad-Taxifahrer, dessen Passagierin ohnmächtig wird. Er lässt sie auf eine Müllkippe fallen. Sie stirbt, nachdem sie von einem Bettler vergewaltigt wird. In einer Gesellschaft, die keine Verantwortung übernimmt, in der nur Egoismus zählt, kommt es immer wieder zu solchen Tragödien – unnötigerweise!
Im Vorwort schreiben Sie, Sie seien dem Hunger, der Obdachlosigkeit und dem Gefängnis dankbar. Meinen Sie das ernst?
Sie gehören zur Normalität der chinesischen Gesellschaft. Ich habe sie zu meinen Lehrmeistern ernannt, wenn ich von meinem Leben spreche. Keiner würde sich freiwillig solche Lehrmeister aussuchen. Andere habe ich aber nicht.

Interview: Florian Clemens Kiefer

Foto:  ALI GHANDTSCHI

Liao Yiwu: „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“, ?S. Fischer, 496 Seiten, 24,99 Ђ

Liao Yiwu, Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch

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