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DJ Stalingrad: „Exodus“

DJStalingrad_ExodusEs gibt Sphären, von denen man sich persönlich lieber fernhält, die aber aus sicherer Distanz gern sensationshungrig goutiert werden. Gewalt als Konsumgut hat Konjunktur. Ob bei Homer oder in Hollywood, der Krieg ist ein Spektakel. Der 1985 in Moskau geborene Anarchist Piotr Silaev, der in Russland per Haftbefehl gesucht wird und in Spanien lebt, hat als „DJ Stalingrad“ ein in seiner Heimat kontrovers diskutiertes Buch geschrieben, das jetzt auf Deutsch erscheint. Der aus einzelnen Passagen scheinbar wahllos zusammengeflickte Text hat die nackte Gewalt zum Thema, den Krieg in der Gosse, in jenen unterprivilegierten Zonen der postsowjetischen Vorstadt, in denen man ohne Bereitschaft zum Äußersten nicht einen Tag lang am Leben bleibt.

In einer Reihung übersteigerter Brutalismen beschreibt DJ Stalingrad, wie Horden junger Wilder sich gegenseitig fertigmachen. Auch „die Bullen“, mittendrin zwischen linken und rechten Skins, kriegen „hart auf die Fresse“. Der Erzähler, den man leicht für den Autor selbst halten kann, teilt aus und kassiert Schläge mit Fäusten, Flaschen, Eisenstangen; er wird binnen kürzester Zeit sechsmal niedergestochen. Und genau da liegt das Problem. Gern hätte man mehr erfahren vom übergeordneten ideologischen Konflikt, von der russischen Antifa-Szene, die sich tapfer gegen ein Neonazitum behaupten muss, das in diesem Ausmaß in Europa seinesgleichen sucht. Man gewinnt jedoch den Eindruck, dass für den „pragmatischen Nihilisten“ Silaev das Red-Skin-Etikett bloß dazu dient, die Gewaltfeier als einzigen Lebensinhalt politisch zu bemänteln.

Ein emanzipatorischer Anspruch lässt sich aus den im Text verstreuten anthropologischen „Weisheiten“ nicht herauslesen. Gelebt wird einzig nach der heraklitischen Formel vom Krieg als dem Vater aller Dinge. Da scheint es beinahe egal, wer der Gegner ist. Was den Text angeht, ist das alles ziemlich redundant, der Sensationshunger ist schnell gestillt. Die Personen bleiben Skizzen ohne Tiefe. Exzess allein macht noch keine gute Literatur. Als Schlaglicht auf eine verdrängte europäische Wirklichkeit ist „Exodus“ aber durchaus interessant.    

Text: Christoph David Piorkowski
tip-Bewertung: Zwiespältig

DJ Stalingrad: „Exodus“
Aus dem Russischen von Friederike Meltendorf, Matthes & Seitz, 128 Seiten, 14,90 Ђ

Lesung & Gespräch
Fuchs und Elster (verlegt vom Klunkerkranich), Do 22.8., 20 Uhr

 

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