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Don DeLillos neuer Roman „Der Omega-Punkt“

DeLilloDas Drehbuch für die Dokumentation zum Thema „Mann und Krieg“, das dem jungen Amerikaner Jim Finley vorschwebt, ist äußerst knapp: „Nur ein Mann und eine Wand … Ein durchgehender Take.“ Der Experimentalfilmer erklärt es sei­nem Hauptdarsteller so: „Was immer Sie sagen, ist der Film … Sie reden, ich drehe. Keine Diagramme, Landkarten, Hintergrundinformationen. Gesicht und Augen, schwarz-weiß, das ist der Film.“ Aber der 73-jährige Richard Elster, der im Irakkrieg für die US-Regierung als intellektueller Berater tätig war, tut sich schwer mit dem Erzählen. Er ist ein gelehrter Mann, der Gedichte genauso gern wie Medikamente und Alkohol konsumiert. Und so ziehen sich die Abende in der Wüste im Süden der USA, wohin sich der Exzentriker zurückgezogen hat, bis in den Morgen, die Gespräche entgleiten ins Philosophische.
Hier knüpfen die Gedanken an die Szene an, die Don DeLillo zur Einstimmung für seinen 16. Roman aus dem New Yorker Museum of Modern Art eingefangen hat. Dort wurde 2006 Douglas Gordons Videoinstallation „24 Hours Psycho“ gezeigt. Hitchcocks 109-Minuten-Film mit Anthony Perkins läuft dabei so langsam, dass es einen ganzen Tag dauert, ihn zu betrachten. Bei der berühmten Duschszene kann man sogar die Ringe des Vorhangs zählen, den Janet Leigh bei ihrem Todessturz abreißt.
In der Wüste sind Krieg, Folter und Auslöschung die düsteren Gesprächsthemen. Bis zu dem Tag, an dem Elsters Tochter Jessica aus New York anreist. Ihre Mutter hat sie in die Verbannung geschickt, weil sie sich mit einem ihr nicht genehmen Mann eingelassen hat. Wenig später ist das Mädchen spurlos verschwunden, und die beiden Männer haben plötzlich ganz reale Sorgen. Nach der Flut an 9/11-Romanen, zu denen DeLillo mit „Falling Man“ (2007) seinen gewichtigen Beitrag geleistet hat, erscheinen nun die ersten Bücher über die Folgen: Folter in Guantбnamo und Abu Ghraib. Den Anfang machten Louis Beg­ley mit seiner juristischen Annäherung „Der Fall Dreyfus“ und Nick Flynn mit seiner persönlichen Auseinandersetzung in „Das Ticken ist die Bombe“. Nun also folgt, weltweit gleichzeitig publiziert, DeLillos filmische Annäherung. Auch wenn dieses Buch über das Verschwinden aus der Welt und das Phänomen Zeit schmal an Seiten ist, liefert der 74-jährige US-Autor wieder beeindruckend viele Gedanken und einprägsame Bilder. Es ist ein Roman in Zeitlupe – intensiv und prägnant wie selten zuvor.

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Lesenswert


Don DeLillo „Der Omega-Punkt
„, aus dem Amerikanischen von Frank Heibert, Kiepenheuer & Witsch, 112 Seiten, 16,95 Ђ

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