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Dotschy Reinhardt ?- Sängerin, Autorin, Sinteza

Dotschy Reinhardt

Einmal sagte ihr jemand, sie sähe gar nicht aus wie eine Zigeunerin. Die hätten doch immer etwas Feuriges, Leidenschaftliches.
Mit dieser persönlichen Anekdote, die sich nach einem Auftritt in einer Bar zugetragen hat, startet Dotschy Reinhardt ihre ganz eigene Auseinandersetzung mit der Sinti-und-Roma-Thematik – die Berliner Jazzmusikerin, die mit dem legendären Gitarristen Django Reinhardt verwandt ist und sich für die Belange ihres Volkes einsetzt. Nicht auf der Bühne oder als Talkshowgast.
In ihrem bereits zweiten Buch „Everybody’s Gypsy“ reiht sie romanartige Episoden, aufklärerische Infotexte sowie Interviews mit Historikern und Künstlern patchworkartig aneinander. Ihr Anliegen ist dabei klar: den Lesern zu zeigen, dass ihr Volk weder grundsätzlich kriminell und schmarotzerhaft noch generell heißblütig und unabhängig ist. „Wir waren immer gezwungen zu reisen“, erklärt sie, „entweder wegen schlechter Lebens­bedingungen oder weil wir politisch verfolgt wurden. Dieser angeborene Freiheitstrieb, den man uns unterstellt, den gibt es nicht.“
Vor rund zehn Jahren verließ Reinhardt ihre alte Heimat in Ravensburg und machte sich der Liebe wegen nach Berlin auf. In ihren Songtexten hatte sie sich zwar schon immer mit der Situation der Sinti und Roma auseinander­gesetzt. Wie viel ihr an ihrer Herkunft liegt, merkte sie aber erst in 740 Kilometern Ferne: „Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen. In Berlin kannte ich außer meinem Mann aber keine Sinti und Roma. Da wurde mir klar, wie viel mir meine Traditionen, meine Kultur und meine Identität als Sinteza bedeuten.“
Während ihr erstes Buch „Gypsy – die Geschichte einer großen Sinti-Familie“ eher biografischer Natur war – auch die verwandtschaftliche Beziehung zu Django Reinhardt findet hier Erwähnung – , liegt der Schwerpunkt ihres zweiten Werkes auf der Popkultur der Gegenwart. Mit lebhaften, klaren Schilderungen zeigt Reinhardt da­rin auf, wie die Unterhaltungsindustrie sich der „Gypsy-Klischees“ für Verkaufszwecke bemächtigt. Allen voran Mode im vermeintlichen „Gypsy-Style“ oder stereotypische Sinti-und-Roma-Darstellungen in Filmen. „Ich wollte das Ganze mal von einer anderen Seite anpacken, um sichtbar zu machen: Die Diskriminierung der Sinti und Roma ist keine alte Geschichte, die sich vor 20 bis 50 Jahren abgespielt hat“, sagt Reinhardt, „sie ist topaktuell“.  
Politisches Sprachrohr ihres Volks möchte sie aber dennoch nicht sein. „Das kann sich niemand anmaßen. Ich bin schließlich nicht gewählt geworden wie ein Politiker“, erklärt sie. „Mein Motto lautet, dass jeder bei sich selbst bleiben sollte. Was ich von mir gebe, sind meine persönlichen Ansichten, und für die übernehme ich auch Verantwortung.“  
Im Einklang dazu sieht sich die 38-Jährige auch nicht als politische Sängerin, obwohl viele ihrer Texte vom Schicksal der Sinti und Roma handeln: „Es gibt eine Politik, die auf der Straße funktioniert, die von ganz normalen Menschen ausgeübt werden kann. Ich bin ein Anhänger dieser Politik von unten, weil ich eine gewisse Ehrlichkeit damit verbinde.“
Dies bedeute, wie sie sagt, am eigenen Beispiel zu zeigen, wie die Dinge wirklich seien – oder sein könnten. „Wenn ich meinen Konzertbesuchern ein positives Bild als Angehörige der größten Minderheit Europas vermitteln kann, dann bin ich zuversichtlich, dass sie keine feindlichen Vorurteile mehr hegen.“

Text: Henrike Möller

Foto: G.U. Hauth

Everybody’s Gypsy von Dotschy Reinhardt, Metrolit, 224 S., 17,99 Euro

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