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Douglas Coupland im Interview

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tip: Mister Coupland, wir dachten immer, die Kanadier seien freundlich, ruhig, unaggressiv. Kürzlich aber gab es Straßenschlachten, als das Eishockey-Team der Vancouver Canucks das entscheidende Stanley-Cup-Finalspiel gegen die Boston Bruins verlor. Was ist bloß los mit Ihren Landsleuten?
Douglas Coupland: Das war fast wie ein Testlauf für die Ausschreitungen in Tottenham in England. Ich glaube gar nicht, dass man die Bezeichnung „Aufstand“ dafür benutzen kann. Es ist wie der Geburtsschrei einer neuen Technologie, der ein neues menschliches Verhalten hervorbringt. Wirklich jeder dort machte so (Coupland imitiert mit seinem iPhone ständiges Fotografieren). Von seinen Freunden, sich selbst …

tip: Die Fotos haben sie ja auf Facebook getan.
Coupland: Ja, was zum … (lacht) Wenn ich an diesem Abend gegen elf Uhr auf Craigslist gegangen wäre, hätte ich sehr schöne teure Ledertaschen kaufen können für gerade mal 100 Dollar. Und dann gab es auch bescheuerte Leute, die aus Drogeriemärkten rauskamen mit 48 Zahnpastatuben! Ich meine: Hey, was stimmt mit euch nicht? Aber es war so: Die Leute waren im Moment da, und sie waren es nicht. In diesem Sinne ist es fast wie eine Kunstform. Diese Dynamik, das war etwas Neues. Sie hatte ein anarchistisches Element. Es scheint sich um eine neue Form von menschlichem Verhalten zu handeln. Das bräuchte einen anderen, besseren Namen als „Aufstand“. Etwas ganz Neues.

tip: Viele Ihrer Bücher drehen sich genau um diese Altersgruppe. Später Teenager, Mittzwanziger. Vor einigen Jahren haben Sie mal gesagt, „Girlfried In A Coma“ (1997) wäre Ihr letztes Buch, das aus einer jungen Perspektive erzählt. „JPod“ ist aber wieder ein Buch über diese Generation. Kommen Sie nicht los davon?
Coupland: Es ist seltsam. Das Buch schrieb ich schon vor sechs Jahren (es erscheint erst jetzt auf Deutsch, Anm. d. Red.). In „JPod“ gibt es kein Facebook und dergleichen. Schauen Sie sich an, was wir als Kultur in diesen wenigen Jahren alles absorbiert haben. All diese neuen Dinge. Jedes einzelne stellt etwas mit unserem Verstand an, mit unserem Sinn für Gemeinschaft, Zeit, Geografie. Wir haben einen ziemlich guten Job gemacht, das alles zu verarbeiten. Aber wir wissen auch, dass vielleicht in sieben Wochen oder in zweieinhalb Jahren irgendwas anderes kommt. Ich weiß nicht, was. Niemand weiß das. Nicht einmal Bill Gates. Es wird wieder etwas sein, das unserer Leben herumwirbelt.

tip: Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern stark mit neuer Technologie, neuen Massenkommunikationsmitteln. Gleichzeitig scheint es, als würden Sie dabei wieder einen Schritt zurücktreten, um deren Folgen mit einer Art von Melancholie zu sezieren. Was macht die Technologie mit uns?
Coupland: Wir haben diese Maschinen geschaffen, nicht sie uns. Was immer wir tun, kann nur eine Reflexion darüber sein, was wir als Spezies sind. Würde ich zurück in der Zeit gehen wollen? Nein. Ich habe seit zwei Jahren ein iPhone. Ich habe ein MacBook Pro 8.3. Es ist großartig. Ich will nicht zurück zu meinem alten Laptop. Man kann nicht zurück.

tip: Nicht einmal in die 90er-Jahre?
Coupland: Gerade läuft ja eine Nostalgie für die frühen 90er-Jahre. Ich bin nicht nostalgisch. Ich bin auch irgendwie stolz auf uns Menschen, weil wir uns immer noch selbst überraschen können mit neuen Wegen, uns auszudrücken.

tip: Was prägt unsere heutige Zeit?
Coupland: Ich frage immer ältere Leute, die sich noch an die 50er- und 60er-Jahre erinnern: Was fühlte sich für euch als die größere Veränderung in der Gesellschaft an? Die Einführung des Fernsehens oder des Internets? Bis 2005, 2006 war es das Fernsehen. Seitdem ist es das Internet, mit weitem Abstand.

tip: Vor 20 Jahren erschien Ihr Debütroman „Generation X“, längst ein Klassiker. Sein Untertitel war: „Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur“. Von heute betrachtet, waren die 90er eigentlich eine ziemlich gemächliche Angelegenheit, oder?
Coupland: Statisch sehen die aus! Ich schrieb das Buch in den späten 80ern, frühen 90ern. Das größte, aufregendeste Ding in der Kulturszene waren damals Rockvideos. Das war’s.

tip: Sie haben ja auch selbst auf MTV gelesen.
Coupland: Das war schon 1993, glaube ich. Aber sonst war da nichts. Trotzdem fühlte es sich an, als wäre alles außer Kontrolle und verrückt. Aber rein gar nichts war außer Kontrolle oder verrückt. Ich nenne das Proceleration: wenn Bescheunigung sich beschleunigt. Und das ist noch nicht vorbei.

tip: Wie in „JPod“ ein Mitarbeiter der Videospielfirma, John Doe, sagt, waren die 90er die Möglichkeit, unverdient zu Reichtum zu gelangen. Worum geht es in den 2010er-Jahren? Dass man nicht wahnsinnig wird?
Coupland: Schon die 2000er-Jahre drehen sich um mehrere Sachen. Ja, generell könnte man sagen, es geht darum, nicht verrückt zu werden. Aber ich denke, es geht vor allem um das Gefühl, das wir jetzt alle im Kopf haben: der Versuch, die Angst zu vermeiden, dass man plötzlich nicht mehr vernetzt ist.

tip: Und sonst?
Coupland: Wenn irgendwann jemals jemand ein Revival des Jahres 2011 machen würde, gäbe es keine Mode, von der man sagen könnte: Ja, das ist 2011. Die 90er hatten den Grunge, die 80er diese horrormäßige Frauenmode. So etwas gibt es heute nicht. Sie fragen, worum es in dieser Dekade geht. Es geht darum, zu realisieren, dass man vernetzt bleiben muss. Dass wir irgendwie alle verbunden sind. Niemand entkommt dem. Niemand auf der ganzen Welt weiß, wo das hinführt. Ob man das stoppen kann. Und man hat all die unbeabsichtigten Nebeneffekte. Nicht das Verschwinden, aber das Eindampfen der Mittelklasse. Wir bekommen riesige Unterschiede zwischen Arm und Reich. Es gibt viele Leute, die daraus aussteigen, individuell zu sein.

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Foto: David von Becker

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