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Douglas Coupland: „Marshall McLuhan. Eine Biographie.“

McLuhan_MarshallEin verschrobener alter Kauz mit einem Haufen neuer Ideen: Mit seinen teils visionären, teils kryptischen Thesen zum Einfluss der Medien auf unser Denken und Handeln wurde der kanadische Denker Marshall McLuhan in der Aufbruchstimmung der 60er-Jahre von den einen wie ein Popstar gefeiert und von den anderen als Scharlatan verspottet. In diesem Jahr wäre er hundert geworden, und deshalb hat ihm sein Landsmann Douglas Coupland eine außergewöhnliche Biografie gewidmet.

Coupland, der sich in seinen Romanen selbst immer wieder mit den Möglichkeiten und den Tücken neuer Technologien auseinandergesetzt hat, interessiert sich vor allem für die geografischen und neurophysiologischen Koordinaten von McLuhans Originalität, etwa seine Kindheit in den Weiten der kanadischen Prärie oder seine besondere, durch eine milde Form von Autismus bedingte Fähigkeit zum Erkennen von Mustern. Zugleich beschreibt er McLuhans Denken als Produkt des gesellschaftlichen und akademischen Klimas, das Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Nordamerika herrschte. Das klingt kompliziert, liest sich aber spannend, da Coupland sich kurzfasst, eher assoziativ als chronologisch vorgeht und sich dabei eines umgangssprachlichen Erzähltons bedient: „Um eine geniale Idee zu haben, muss eine Menge an biografischen Faktoren zusammenkommen, und wenn auch nur ein einziger davon fehlt, war es das mit der genialen Idee.“

McLuhans intellektuelle Pionierleistung bestand darin, formales analytisches Wissen, das er sich durch die Beschäftigung mit obskurer altenglischer Literatur und Rhetorik angeeignet hatte, mit konkreten Beobachtungen der aufkommenden Massen- und Medienkultur zu verbinden. Dabei ist er zu Erkenntnissen gelangt, deren Tragweite wir erst 50 Jahre später erfassen können. So antizipierte er bereits 1962 die wesentlichen Merkmale des Internets, indem er behauptete, dass ein Computer mit einem privaten Anschluss, über den individuell zugeschnittene Informationen sofort abgerufen werden können, die Zentralbibliotheken bald überflüssig machen könnten. Coupland findet deshalb, dass McLuhan heute wichtiger ist denn je – als eine Art metaphysischer Rettungsschwimmer in einer Welt, die im Informationsüberfluss zu ertrinken droht: „Die Zukunft hat noch nie so schnell so viele Menschen auf so extreme Art erreicht. Und wir brauchen eine Stimme, die uns führt. Marshall hat die Krankheit erkannt und nach Lösungen gesucht, wie man mit ihr umgeht.“   

Text: Heiko Zwirner

tip-Bewertung: Lesenswert

Douglas Coupland: „Marshall McLuhan. Eine Biographie.“ Tropen, 222 Seiten, 18,95 Ђ

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