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Du bist ?verrückt!

Sollten psychische Erkrankungen nicht Ihr Spezialgebiet sein, eine Erklärung vorweg: Die bipolare affektive Störung, auch bekannt unter der Bezeichnung manisch-depressive Erkrankung, zeigt sich bei den Betroffenen durch episodische, willentlich nicht kontrollierbare und extreme, zwei­polig entgegengesetzte (bipolare) Auslenkungen des Antriebs, der Aktivität und der Stimmung. Was Wikipedia weiß, war Ellen Forney erst einmal nicht klar.
Die Comic-Künstlerin aus Seattle neigte zwar zu Ablenkbarkeit, Ideenflucht und einem reduzierten Schlaf­bedürfnis, die Dia­gnose der Psychiaterin kam dann doch wie ein Schlag. Sie reagiert mit einem grafischen Tagebuch. Auf gut 250 Seiten zeichnet sie die Höhen und Tiefen der Krankheit, die plötzlich zu ihrer Realität wurde. Sie geht durch Phasen enormer Kreativität, Lebens­freude und voller sexueller Energie. Wenn sie etwa ein Foto­shooting für einen Porno-Comic veranstaltet oder ihren Geburtstag in großem Stil feiert. Darauf folgen aber immerzu abgründige Momente, Tage, an denen sie sich kaum rühren kann, sich verkriecht, weint und leidet.
Geradezu akribisch dokumentiert Forney diese psychischen Zustände. Tabellen, Anweisungen und Ratschlägen folgen gekritzelte Zeichnungen aus dunklen Stunden, dazwischen die Erzähl­passagen, Gespräche mit der Therapeutin oder mit Freundinnen. Im Kern aber steht der Wille, das Wesen der bipolaren Störung zu erfassen. Schließlich hat sie ja vor ihrer Karriere als Zeichnerin und Illustratorin mal Psychologie studiert. ­Forney recherchiert in zahllosen Fachbüchern, reflektiert das eigene Verhalten, sucht nach anderen Fällen und spürt dem Mythos des „verrückten Künstlers“ nach, allen voran Vincent van Gogh. Man weiß aber, dass auch Kurt Cobain, Ernest Hemingway und Gustav Mahler unter den Symptomen litten.
Dafür nutzt sie die Mittel der amerikanischen Underground-Comics. Schroffe, stark konturierte Schwarz-Weiß-Panels in fortwährend wechselnden Layouts. Forney durchbricht lineare Erzählstränge, baut innere Monologe ein, mischt Seiten aus ihren Skizzenbüchern ein und lässt immerzu wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen, die aus „Meine Tassen im Schrank“ nicht nur ihre persönliche Schicksals­geschichte machen, sondern ein ungewöhnliches, aber durch­aus lehrreiches Werk zu dem Thema.
Das hat auch die National Association for the Advance­ment of Psycho­analysis so gesehen und verlieh ihr im vergangenen Jahr einen Preis. Diese Ehre wird Comic­zeich­nern nur selten zuteil. Auch für nicht bi­polar Gestörte unbedingt empfehlenswert!

Text: Jacek Slaski

Foto: Ellen Forney; Egmont

Meine Tassen im Schrank von Ellen Forney, Egmont, 256 Seiten, 19,99 Euro

 

 

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