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E.L. Doctorow: „Homer & Langley“

Homer & Langley

„Ich bin Homer, der blinde Bruder.“ Mit diesem starken Satz eröffnet E.L. Doctorow seinen neuen Roman „Homer & Langley“. Es ist eine Geschichte, die logischerweise nicht auf Anschauung basiert. Dafür kommt der Satz „nach allem, was ich höre“ ziemlich oft vor. Und wie es der bewährten Methode des sozialkritischen US-Autors entspricht, der bei uns mit den verfilmten Romanen „Ragtime“ und „Billy Bathgate“ bekannt wurde und am 6. Januar seinen 80. Geburtstag feiert, hat das Buch einen wahren Kern – die Geschichte der „Hermits of Harlem“. Diesen Namen bekamen zwei Brüder, Homer und Langley Collyer, die zu ihrer Zeit in New York Stadtgespräch waren.
Der 1881 geborene Homer und sein vier Jahre jüngerer Bruder lebten in den letzten Jahren vor ihrem Tod im März 1947 völlig abgekapselt von der Welt in einer Stadtvilla am oberen Ende der Fifth Avenue, die sie von ihren wohlhabenden Eltern geerbt hatten. Aus Geiz und genialem Hochmut hatte sich Langley mit allen Behörden und Versorgungsunternehmen angelegt, und so hausen sie in ihrem selbst gewählten Gefängnis am Ende ohne Strom, Gas, Wasser und Telefon.
Zweierlei machte die Brüder für die Zeitungen zur Story: zum einen die Vermutung, dass sie hinter den runtergelassenen Rollläden auf ungeheurem Reichtum saßen, zum anderen das Gerücht von Unmengen an Schrott, den der sehende Bruder über alle vier Stockwerke zu einem gigantischen Labyrinth gestapelt haben sollte. Die Vermutung war Quatsch, aber das Gerücht stimmte. Bei der Räumung des Hauses trug die Polizei mehr als 100 Tonnen Material raus – 25?000 Bücher, bergeweise Zeitungen, ein Dutzend Klaviere, sogar eine „Tin Lizzy“, ein Ford T-Modell!
Anders als die Reporter damals interessiert Doctorow nicht, wie die Brüder starben, sondern wie sie lebten. Dabei nimmt er sich selbstverständliche schriftstellerische Freiheiten und lässt sie weit länger leben als in Wirklichkeit. So kann er ihr Abgleiten in die soziale Isolation behutsam entwickeln und dabei gesellschaftliche Entwicklungen erfassen. Das liest sich von der ersten Seite an großartig.
Faszinierend aber ist das Kunststück, das Doctorow wie nebenbei gelingt: Er bringt – zumindest für den Leser – Licht in Homers Welt der Finsternis.

Text: Reinhard Helling

Foto: Ullstein Bild / iT

tip-Bewertung: Herausragend

E.L. Doctorow: „Homer & Langley“, Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 18,95 Euro

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