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Edward Lewis Wallants Roman: „Mr Moonbloom“

Mr:Moonbloom„Mein Schicksal ist der Staub“, stöhnt Norman Moonbloom resigniert. Kein Wunder: Der 33-Jährige, bisher Bummelstudent ohne Abschluss, muss als Verwalter von vier verfallenen Wohnhäusern im Manhattan der 60er-Jahre die Mieten eintreiben. Woche für Woche dreht er zwischen Second und Mott Street seine Runden: kaputte Dächer, verrostete Rohre, fehlende Scheiben, verstopfte Toiletten, Kakerlaken überall. „Zehn Reparaturen rissen sich um Platz eins auf der Liste der dringendsten Arbeiten“, aber sein Bruder Irwin, Besitzer der Immobilien, gewährt ihm nur ein spärliches Budget für die Instandsetzung.

Bei seinem Rundgang vertröstet Norman die Bewohner ein ums andere Mal. Die bunte Mieter-Schar aller Hautfarben, Berufe und Herren Länder, allesamt Entwurzelte, gleicht einem Querschnitt der damaligen New Yorker Einwohnerstruktur – Juden, Dichter, Chinesen, Witwen, Schwarze, Italiener, Schwule, Trinker. Da manche nicht zahlen können, dafür aber ergreifende Ausreden zur Hand haben, werden sie für Norman „auf eigenartige Weise Freunde und Feinde zugleich“. So lässt sich der dauermüde Junggeselle ohne echte Mission widerstandslos in ihre vielfältigen Schicksale hineinziehen.

Diese mal komische, mal traurige literarische Sozialstudie stammt von Edward Lewis Wallant, einem Mann, der zu Unrecht in Vergessenheit geraten war. Viele Jahre erinnerte lediglich der nach ihm benannte Wallant Award for Jewish American Fiction an den Verfasser von vier Romanen – darunter „Der Pfandleiher“, verfilmt mit Rod Steiger (Silberner Bär der Berlinale von 1964). 2003 hat der umtriebige US-Autor und „McSweeney’s“-Herausgeber Dave Eggers „Mr Moonbloom“, im Original 1963 erschienen, zu neuem Leben erweckt. In seinem Vorwort vermerkt er anerkennend, dass die Geschichte „vom unübersehbaren Geist der Allegorie getragen“ sei. Im Gegensatz zu seinem melancholischen Werk führte der 1926 in New Haven, Connecticut, geborene Autor als Artdirector einer Werbeagentur und als Vater von drei Kindern ein glückliches Berufs- und Familienleben – bis ihn mit 36 Jahren ein Gehirnschlag aus dem Leben riss – vor 50 Jahren.

Text: Reinhard Helling
tip-Bewertung: Herausragend

Edward Lewis Wallant: „Mr Moonbloom“
Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Schaden, Berlin Verlag, 318 Seiten, 22,99 Ђ

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