Bücher

Ned Beaumans neuer, virtuoser Roman

Ned-Beauman_Egon-LoesersLoeser ist ein Loser. Während ganz Berlin im Jahre 1931 orgiastisch übereinander herfällt, geht der expressionistische und extrem libidinöse Bühnenbildner bei allen Partys leer aus. Keine der sonst so freizügigen Damen lässt sich von ihm auf eine Nase Koks mit anschließendem One-Night-Stand einladen, während die Kellner im Cafй Schwanneke oder auch Bert Brecht durch bloße Anwesenheit die Frauenwelt in sexuelle Ekstase versetzen. Dann taucht auch noch Adele Hitler auf, die mit dem aufstrebenden Obernazi weder verwandt noch verschwägert ist.

„Flieg, Hitler, flieg!“ hieß der erste Roman des geradezu unverschämt talentierten, mittlerweile 28-jährigen Ned Beauman, der bereits so viel Charme, Esprit, Intelligenz und Humor versprühte, dass die Kritikerschaft dem Jungautor unisono zu Füßen lag. Mit dem Nachfolger legt Beauman noch eine Schippe drauf. „Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“ ist gewiss nicht nur einer der Romane mit dem längsten Titel des Jahres (im Original heißt er freilich deutlich knapper: „The Teleportation Accident“), sondern auch einer der einfallsreichsten – ja, das zu sagen, darf man jetzt schon wagen. Neben Adele Hitler, die sich innerhalb kürzester Zeit vom Provinzschönchen zur nymphomanen Verruchtheit vögelt, wird die Teleportation Egon Loesers zweitgrößte Obsession. Eine selbst konstruierte Teleportationsvorrichtung für eine Theateraufführung endet mit den ausgekugelten Gliedmaßen eines Schauspielers. Auf seiner Odyssee, die Loeser über Paris nach Los Angeles führt, wird er dem Geheimnis dieser physikalisch unmöglichen Beförderungstechnik ein Stück näher kommen – ebenso der Unterwäsche von Adele Hitler, allerdings anders als ersehnt. Und irgendwann taucht auch Brecht in L.A. auf.

Mit den Einfällen, die Beauman in einem einzigen Kapitel verbrät, würden andere ganze Schriftstellerkarrieren begründen. Nichts in diesem virtuosen Buch ist vorhersehbar, alles fügt sich dennoch kunst- und sinnvoll mit großer Lust an überraschenden Wendungen und slapstickhaften Zwerchfellattacken zusammen. Beauman erzählt seine groteske Geschichte über die treibende Kraft des Begehrens als abgefahrenen Trip durch ereignisreiche Zeiten und zeigt ganz nebenbei, dass historische Romane nicht nach altem Mann riechen müssen.

Text: Ralph Gerstenberg

tip-Bewertung: Herausragend

Foto: Dumont Verlag

Ned Beauman: „Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“ Aus dem Englischen von Robin Detje, Dumont Verlag, 415 Seiten, 19,99 Ђ

Lesung: Soho House Berlin, Torstraße 1, 25.4., Do 19.30 Uhr

Mehr über Cookies erfahren