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Einverstanden. Erdmann

Ein Mittdreißiger pendelt zwischen Omas Sonntagsbraten und Couch-Tristesse mit Freundin. Langweilig. Leider auch wie so manch andere Geschichte in Heinz Strunks „Die Zunge Europas“.

Erst „Fleisch ist mein Gemüse“ und nun „Nichts schmeckt so gut, wie Dünnheit sich anfühlt“: Heinz Strunk formuliert die Weisheiten des kleinen Mannes, die so witzig sind, weil sie nach Bildung klingen sollen, aber völlig verdreht sind, effekthascherisch – aber letztendlich doch irgendwie richtig erscheinen. Bestenfalls tragen die Strunk-Weisheiten ganze Geschichten.

„Dünnheit“ wünscht sich hier der 32-jährige Gagschreiber und Misanthrop Markus Erdmann, der mit seiner Freundin eine triste Bruder-Schwester-Beziehung führt und Sonntage bei den Großeltern in der Reihenhaussiedlung verbringt, wo er den Alten beim Verfall zusieht. Sein geregeltes Leben wird erschüttert durh den Auftritt von Janne, die er seit der Schule nicht mehr sah und die nun unbedingt mit ihm ausgehen will. Erdmann fragt sich, warum.

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„Einverstanden. Erdmann“, antwortet er per SMS in brutalen Großbuchstaben – und Situationen wie diese, in denen Strunk die Spießigkeit seiner Figuren vorführt und ihre fast schon kreuzzugartigen Kämpfe gegen Romantik, sind seine besten überhaupt.

Leider gibt es davon in dieser Geschichte zu wenige.

Die Entwicklungsmöglichkeiten des klischeehaft angelegten Erdmann – der Gagschreiber ist privat humorlos, zynisch und reagiert umso ungelenker auf weibliches Interesse – sind von Beginn an klar. Dass seine Menschenfeindlichkeit später mit einem Kindheitstrauma erklärt wird – die Mutter verließ den Jungen wegen eines neuen Mann – wirkt unnötig psychologisierend und unpassend intim.

Strunk ist ja am besten in der hasserfüllten Beschreibung von Millieus. Auch das gelingt ihm hier nicht immer. Die Passagen über deutsche Witzigkeit, der Erfolg von Comedians als Wiedergänger der Karnevalisten, klingen nicht nur nach Erdmann, sondern auch nach verbittertem Strunk.

Manches andere dagegen ist wirklich schön. Wie stets seine Beschreibungen über Kindheit in den Sommerferien („ich verfügte über ein Enzym, das Hitze in Glück aufspaltete§). Knallharte Urteile fällt er über alternde, deplatzierte Paare („Sollte einer von uns zufällig in einen Club geraten, würde man ihn für einen Taxifahrer halten“), und Strunk läuft zu Höchstform auf, sobald seine Bildsprache durchdreht, wenn er bei schwitzenden Tänzern über die „subtile Dialektik des Körperwassers; klebrige Demütigung oder erotische Rutschbahn“ schwadroniert.

Genügend Stoff für drei hervorragende Aufsätze – zu wenig Substanz für eine Romanfigur und ihre Geschichte.

Heinz Strunk, „Die Zunge Europas“, Rowohlt, 320 Seiten, 19,90 Euro. 

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