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Erik Heier kommentiert

Erik Heier

Rohstoff. Fauser, schon klar. Knietief im Milieu. Das wilde, sehnsüchtige Leben. Neulich war das Leben bei Twitter. Rohstoff 3.0. Als die Berliner Polizei 24 Stunden lang Einsatz um Einsatz twitterte, Hashtag: 24hBerlin. Eine ganz andere Art von Lebenserfahrung. Geballtes Multiperspektivenleben. Kürzestprosa des Stadtirrsinns. Sozialporno mit Heavy End. „In einem Späti in #Reinickendorf kommt es zu Streitigkeiten von zehn Personen.“ (Wie viele Leute passen doch gleich in einen Späti?) „Ein Vagabund belästigt Gäste in einem Steakhaus in #Reinickendorf.“ (Vagabund? Hat sich da jemand in die 50er verirrt?) „90-jähriger Ehemann verprügelt seine 80-jährige Ehefrau, die zur Nachbarin flüchtet und uns alarmiert.“ (WHAT THE FUCK?) So las ich Stunde um Stunde. Ich staunte und lachte und grübelte. Ich fror an der Kälte der Menschen. Wo ist der Poet, der aus diesem Rohstoff den großen Gedichtband destillierte? Wo der uferlose Rezitator, der Slam-Poet, der durch diese Tweets wüten, sie zum furios-faszinierenden Langgedicht aneinanderreihen würde? Wo der Literat, der den neuen großen Berlin-Roman in diesen 140-Zeichen-Dramen fände? „Verwirrte Person ist in Pantoffeln und Jogginghose vor der East Side Gallery unterwegs.“ Ein guter erster Satz, fürwahr. Aber wie kommt David Hasselhoff bloß wieder heil nach Hause?

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