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Erster Roman von Arezu Weitholz: „Wenn die Nacht am Stillsten ist“

Arezu_weitholzDa gibt es diese Sätze, die nachhallen. Die etwas auslösen, ganz tief innen. Irgendein diffuses Gefühl. Ein Traumwandeln im Kopf. Zum Beispiel: „Ich habe versucht, für dich perfekt zu sein, und nun liegst du hier wie eine Absage an alles, was du jemals behauptet hast.“
Womöglich müsste man so etwas einfach mal singen. Ein paar rotzige Gitarrenakkorde darüber. Moll natürlich. Es wäre gut.
Diese Sätze stehen im ersten Teil des Debütromans „Wenn die Nacht am stillsten ist“ der Wahl-Kreuzbergerin Arezu Weitholz. Ein Monolog, 39 Seiten lang. Da sitzt Anna, Musikjournalistin, nachts an Ludwigs Bett, sie redet sich viel von der Seele. Über die Sollbruchstellen ihres Lebens, von denen einige nachgaben. Der Vater, der sich umbrachte. Die Mutter im Heim. Die eigene Unsicherheit.

Es ist noch ein früher Montagabend, als Arezu Weitholz – weißes Shirt, Tuch um den Hals, Jeans, die braunen Haare zum Zopf gebunden – eine dunkle Plattentasche auf einen Tisch wuchtet. In einer Stunde beginnt im Fluxbau, der Lounge von Flux FM nahe der Oberbaumbrücke auf der Kreuzberger Spreeseite, ihre Lesung. In der Tasche stecken Vinyls. Talk Talk, Bill Withers, The Art of Noise.
Draußen, vor der Terrasse, schleppt sich die Spree träge durch den lauen Abend. Arezu Weitholz zündet sich eine Zigarette an. Erzählt von einer Lesung in Erlangen, die im Regen absoff. Da ruft ein befreundeter DJ an. Was er hinterher auflegen soll? „HipHop“, ruft sie ins Handy. „Am besten 80er. Oder 90er. Nur nichts Neues.“

Ihr Roman ist mehr als das Sezieren einer Liebe. Er vermisst die innere Kälte einer speziellen Medienbranche. Den Graben, den Popsnobs zwischen sich und dem Rest auftun. Cool versus uncool.  Ludwig ist die Edelfeder des Blattes, bei dem Anna arbeitet. Brillanter Buchautor, Kisch-Preisträger, Kontrollfreak. Herrscher über hermetische Diskurse. Distinktion ist für ihn Daseinssinn. Anna und er waren ein Paar. Bis zum Morgen vor dieser Nacht. Es wäre aus, hat Ludwig gesagt. Jetzt liegt er da. Voll mit Tabletten. „Du tust dauernd so, als wärst du im Krieg. Wir sind aber keine Kriegsberichterstatter. Wir berichten aus der Unterhaltungsindustrie.“
Vielleicht liegt es an Arezu Weitholz’ beruflicher Tätigkeit, dass ihr Roman diesen besonderen Sound hat, diesen Rhythmus, Pathos inklusive. Sie redigiert Songtexte. Erst 2002 für Herbert Grönemeyer, man kannte sich von Interviews. Dann auch für Udo Lindenberg, Die Toten Hosen, 2raumwohnung, Madsen. Oder sie verfasst selbst welche.
Songs schreibt sie oft im Auto, da kommen ihr die besten Ideen. Die kritzelt sie dann in einen Block. Gern auch während der Fahrt.

2010 erschienen zudem zwei Lyrikbände von ihr, mit skurrilen, pointierten Fischgedichten. Von der Forelle mit der Delle. Oder vom Aalphabet, der Buchstaben liebt. Die Bände hat sie selbst illustriert.
Bei ihrem Roman ist nun die Versuchung groß, die Geschichten und das wahre Leben gleichsam übereinanderzulegen. Zu schauen, wo es passt. Wie ihre Romanfigur Anna ist Arezu Weitholz, Jahrgang 1968, in der Provinz aufgewachsen (bei Hannover). Sie schrieb ebenfalls als Journalistin über Musiker (für „Max“, „SZ-Magazin“, „Spiegel Spezial“), verbrachte ein Jahr als DJane in Südafrika. Einige der Interviews, die sie Anna im Roman zuschreibt, hat sie selbst geführt. Mit Madonna zum Beispiel. Oder, im Buch namenlos, mit Lee Hazlewood. „Es gibt keinen echten Ludwig, keine echte Anna“, sagt Arezu Weitholz. „Aber ich habe einige Schauplätze benutzt.“
Als sie dann im Fluxbau liest, unter einer matten Leuchte, flackern Kerzen im Raum. Es ist eine fast andächtige Atmosphäre. Jede Menge Bekannte sind da. Grönemeyer auch. Als Zugabe verheißt sie „etwas Neues“. Nicht jedoch aus ihrem unveröffentlichten Roman, Arbeits­titel „Das Haus der Dichter“, den hält sie derzeit noch für „unlesbar“. „Es ist ein Fischgedicht“, spricht Arezu Weitholz ins Mikrofon. Jemand im Raum lacht: „Echt?“ Es klingt wissend. 

Text: Erik Heier
Foto: Verlag Antje Kunstmann

Arezu Weitholz: „Wenn die Nacht am Stillsten ist“ Kunstmann, 224 Seiten, 17,95 Euro

 

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