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Deutscher-Buchpreis-Kandidatin

„Es ist kein queeres Buch“– Sasha Marianna Salzmann im Gespräch

Gorki-Theaterautorin Sasha Marianna Salzmann über den Nach-Wahl-Ekel, Geschlechter, Familien und ihr Romandebüt „Außer sich“

Foto: Heike Steinweg/ www.heikesteinweg.de/ Suhrkamp Verlag

tip Haben Sie die Wahl schon verdaut?
Sasha Marianna Salzmann Ich will sie gar nicht verdauen. Ich bin vielleicht angeekelt, aber man wusste, dass die AfD in den Bundestag kommt. Die, die AfD gewählt haben, sind nicht ökonomisch Abgehängte. Das sind kulturell Abgehängte. Und ich arbeite in der Kultur! Ich will in jedem neuen Bundesland auftreten, mit jedem reden. Ich habe nicht vor, mich jetzt ins Theater zurückzuziehen und zu heulen.

tip „Außer sich“ reicht 100 Jahre in die Geschichte einer jüdischen Familie in Russland zurück. Vom Stoff her eine „Buddenbrooks“-Fülle. Hatten Sie keine Lust auf ein dickes Buch?
Sasha Marianna Salzmann Ich höre von allen, das sei ein dickes Buch. Sie sind der erste, der das Gegenteil sagt.

tip Nun ja, es sind rund 360 Seiten.
Sasha Marianna Salzmann Ich wollte kein Familienpanorama, kein Gemälde, in dem ich jedes Detail ausmale. Deshalb habe ich bewusst daran gearbeitet, keine zusammenhängende Wahrheit über eine tatsächlich existierende Familie zu transportieren.

tip Das Buch beginnt in Istanbul, wo Ali, deren Moskauer Familie in den 90ern nach Deutschland kommt, den Zwillingsbruder Anton sucht.
Sasha Marianna Salzmann Ich habe in Istanbul gelebt, hatte mir dort eine Wohnung genommen, um den Roman zu schrei­ben. Istanbul ist meine heimliche Protagonistin.

tip Im Roman lösen sich die tradierten Geschlechterrollen auf. Alissa, also Ali, lernt in Istanbul Katharina kennen, die zu Katho geworden ist, und will dann zu Anton werden. Testosteron gibt’s da ja wohl an jeder Ecke.
Sasha Marianna Salzmann Mir war es wichtig, die Trans-Szene in Istanbul zu porträtieren, ich habe in ihr gewohnt. Sie war die erste Szene, die im Gezi-Park 2013 protestiert hat. Mein Protagonist Ali probiert unterschiedliche Möglichkeiten von Leben aus: Für ihn stimmt nicht die Zuschreibung des Heimat­landes, der Muttersprache, des Geschlechts. Ich werde oft gefragt, ob ich einen queeren Roman geschrieben habe. Die meisten Geschichten in meinem Roman sind aber heterosexuell und cis-ident. Nur dadurch, dass es die eine Realität gleichberechtigt neben der anderen gibt, flippen jetzt Leute aus.

tip Sie sagen schon „für ihn“, dabei ist Ali im Roman lange erst einmal eine junge Frau.
Sasha Marianna Salzmann Ich habe Ali als „sie“ kennengelernt, irgendwann war das ein „er“. Ich hatte es nicht so geplant. Ich bin beim Schreiben keiner Struktur gefolgt.

tip Ali versucht sich selbst über die 100-jährige Familiengeschichte zu verstehen. Haben Sie die Figuren auch bei sich selbst gesucht?
Sasha Marianna Salzmann Ich glaube, Alejo Carpentier hat gesagt: „Manche hundert Jahre dauern tausend Jahre. Und manche hundert Jahre vergehen sehr schnell.“ Mir war nicht klar, dass ich auch eine aschkenasische ­Familiengeschichte erzähle. Der Stoff entspann sich über diesen Zeitraum, und ich recherchierte überall, wo ich konnte.

tip Keine Generation bleibt lange an einem Ort.
Sasha Marianna Salzmann Die Generationen der Familie, die ich beschreibe, hatten mit Pogromen, Assimilierungszwang und Unterdrückung zu kämpfen. Da sind die Wanderbewegungen schnellere. Aber ich glaube, dass jede Familie gewandert ist. Und ich glaube, es tut allen gut, die eigene Familiengeschichte unter die Lupe zu nehmen. Es bricht das Schweigen von Generationen, Missverständnisse, Unverständnisse.

tip Jetzt machen einige Schriftstellerinnen Furore, die vor 20 Jahren im Kindesalter aus Russland kamen. Olga Grjasnowa, Katja Petrowskaja, Kat Kaufmann. Ist da jetzt eine literarische „Generation Kontingentflüchtlinge“ am Start?
Sasha Marianna Salzmann Gerade können wir beobachten, wie eine Generation eine eigene Sprache findet. Wir sind deutsche Autorinnen, wir erzählen von Deutschland aus. Da sind viele unterschiedliche Perspektiven dabei, nicht nur die aschkenasische.

tip Sie sind Hausautorin am Gorki. Haben Sie sich ihren ersten Roman einfacher vorgestellt?
Sasha Marianna Salzmann Ich habe mir erst mal nichts vorgestellt. Ich habe tatsächlich bis vor kurzem gebraucht um zu verstehen, dass ich einen Roman geschrieben habe. Aber ich weiß, dass ehrliches Schreiben nicht einfach zu haben ist.

tip Was haben Sie denn geglaubt, was Sie da tun?
Sasha Marianna Salzmann Ich bin in das Projekt reingestolpert. Das war ein Flash! Ich folgte einem Schreibfluss und wusste nicht, ob das je jemand wird lesen wollen. Es war ein Schweben im Raum. Ganz schön auch.

tip Und jetzt: Shortlist zum Deutschen Buchpreis! Der wird am 9. Oktober in Frankfurt verliehen.
Sasha Marianna Salzmann Yeah… Ziemlich unwirklich alles. Der Roman wird gerade in 13 Sprachen übersetzt. Das ist die größte Auszeichnung. Das heißt, dass ich mich über dieses Buch mit Leuten auch in anderen Ländern verbinden kann. Das ist der Wahnsinn.

Außer sich von Sasha Marianna Salzmann, Suhrkamp, 366 S., 22 €

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