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EURE WORTE – TEIL 2: Verlierermentalität

 

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Es war ein typischer Sonntag Morgen am Spreeufer. Keine Würmer, schon wieder nicht. Alles Schlammwanne. Alles ein einziger.. Nein. Nichts. Schlammwanne. Das sagt bereits alles aus über die Stadt, mich und unsere gemeinsamen Einkunftsquellen.

Stundenlang in der Spree herumgefischt, bei eisigen 13°C fast erfroren und daneben hungrige Passanten und durchgedrehte Mitarbeiter der Austernbar vom KaDeWe abgewiesen, die gierig auf meine braun gefärbten Netze lugten. Alles nicht der Rede Wert und trotzdem: Der Anfang von Allem.
Bei dem Anblick der bemitleidenswerten Kreaturen fühlte ich mich spontan an meine Jugendzeit erinnert und Tränen der Rührung kullerten auf einmal in Strömen über meinen Neoprenanzug. Ich werde die Worte nie vergessen, die mir meine Mutter am Abend nach meinem allerersten Tauchgang, bei dem ich fast um’s Leben gekommen wäre (weil plötzlich die Sauerstofflasche versagte und mein Onkel, der immer auf das Seil achtete, gerade mit Barack und Schinken beschäftigt war), zuflüsterte und mich damit beruhigend in den Schlaf säuselte:  
“ Tubifex“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Fadenwürmer“, mein Liebling. Sie sind nebenbei sehr delikat. Graf Tiefenholz aus München, gibt sich diese Leckerbissen aufs Brot und isst sie frisch. Na ja, man isst ja auch Maden, Raupen, Schafe, Hamster und Zirkushasen. Dein Opa, Gott hab ihn selig!,  aß am liebsten Rinderzungen – halbgar – und als er eines Tages unter Eis im Wasser tauchte, riss das Seil, sie hatten damals ja auch nur diese billigen Hanfseile, musst du wissen, und als sie ihn fanden, grün, blau… Aber das ist jetzt völlig arbiträr. Schlaf gut, mein Schatz.“

Meine Mutter wusste immer Worte des Trostes.
Aber nun Schluss mit der Rührseligkeit und zurück zum neoliberalen Nanoimperialismus.
Bevor ich mich mit den durchgeknallten Berlinern, die mich in einen Tauschhandel verstricken wollten (1 Gramm Wurm gegen 2 kaputte Autoreifen) in eine Diskussion einließ, schlüpfte ich aus meinem Anzug, packte das Seil ein und bedankte mich bei Tom Cruise, der (was ja niemand wissen soll) eine kleine Wohnung in Kreuzberg besitzt und dort immer wieder incognito Urlaub macht, wenn ihm der ganze Stress zu viel wird. Dann hilft er mir  bei meiner Arbeit, der gute Irre. Nach drei nutzlosen Stunden machte ich mich also wieder  frustriert auf den Heimweg. – Aber nicht, ohne Tom nochmals auf seine völlig unmögliche Frisur hinzuweisen und ihm – sicherlich schon zum 10. Mal in diesem Winter! – 3-Wetter Taft dringlichst zu empfehlen.
In letzter Zeit legt er sowieso nicht viel Wert auf sein Äußeres, oder gehört das zu seiner Tarnung? Ich habe keine Ahnung. So gut kennen wir uns nun auch wieder nicht. Er trinkt nicht, isst kein Fleisch und am Seil ziehen kann er, das reicht.
So erklomm ich die Oberbaumbrücke, wie jeden Sonntag Vormittag, ohne Moped, auch nicht öffentlich, sondern rein füßlich oder verfüßelt, wie man auch sagt. Über die Warschauerbrücke schlurfend, den Blick gesenkt, im Eilschritt der vielen anderen Eilschritte, die aus den S- und U- Bahnstationen strömen, hörte ich plötzlich ein seltsames Geräusch, das mir durch Mark und Bein fuhr… Die anderen hörten es auch und vom Schreck gepackt, blieben alle auf einmal abrupt stehen und lauschten. Aus der Richtung des Ostkreuzes drang etwas das klang, wie lautes Jubeln, Klatschen und Applaus von mindestens 500 Menschen. Das ungewohnt positive Soundgeklirr schwirrte nun immer deutlicher heran an unsere verstaubten Ohren. Auch die schwerhörigen Fußgänger blieben nun stehen und blickten fragend Richtung Ostkreuz.  
Alles stand still. Nichts regte sich. Immer wieder hörte man ganz deutlich Rufe einer diffusen Menge aus der Ferne: „Wir wollen mehr!“, Sprechchöre hoben an und riefen ein mir unverständliches Wort: „Sto-per.stek! Sto-per-stek!“. Ein älterer Herr neben mir, der Peter Handke unheimlich ähnlich sah und einen „Slobi Forever“ Button auf seinem Rucksack trug, murmelte mit starrenden Augen: „Ringbahnlesung…. Es ist die Ringbahnlesung… Ich bin zu spät…. Oh, Gott! Ich bin zu spät!!“ – und rannte wie von der Tarantel gestochen weg, sprang über die Brüstung und lief mitten auf den Schienen in Richtung Ostkreuz davon. „Ich komme! Wartet auf mich, ich komme!“, schrie er, als ein Wagen der S7 heranfuhr, ein lautes Warnsignal ertönte und…. – Aber das ist jetzt arbiträr. Noch immer hallte es aus der Ferne „Sto-per-stek! Sto-per-stek!“ Die ersten verwirrten Passanten neben mir fingen wütend an in Richtung Ostkreuz zu plärren: „Schnauze! Scheiß Schwaben!“, andere zückten ihr Notizbuch und notierten einige wirre Zeichen, die aussahen, wie Würmer oder Schlingen eines Seiles und brüteten dann über ihren eigenen Aufzeichnungen. Einem einzigen Menschen wurde es nach einem Blick auf die Uhr zu viel,- der Straßenfeger Verkäufer mit dem Bernhardiner ging einfach weiter Richtung Revalerstraße. Doch die Mehrheit blieb stehen und lauschte noch immer den geheimnisvollen Klängen. Eine Frau mit wallendem, roten Haar nickte wissend, tippte mir vorsichtig auf die Schulter und flüsterte mit zitternder Stimme: „Das Ostkreuz, es spricht zu uns. Es will nicht umgebaut werden… Wir müssen ihm unseren Respekt erweisen, wir müssen ihm danken.“
„Wasn dat für’n Kram?“, hörte ich zwei respektlose Teenager in neontürkis-  und gackerlgelben Jacken grummeln. Plötzlich zerrte mich die Rote auf den Boden, wo sie sich vor dem Geländer hinkniete, die Stimme erhob und laut Richtung Ostkreuz rief: „Erhabenes Ostkreuz! Erhöre uns!“, ich wollte flüchten, aber sie zog mich wieder auf den Boden, wo ich mich neben ihr hinkniete und die Hände faltete um ihrem kralligen Griff zu entgleiten. „Du  bestes unter den Kreuzen, du einzigartiges, du großes, du -!“ – Die erste Münze fiel klirrend auf meine Ferse, die ein äußerst attraktiver zwanzigjähriger Austauschstudent aus Peru mir zugeworfen hatte, mit mitleidigem Blick und göttlichem Lächeln. Ich dachte zuerst, er hätte sie verloren und wollte sie ihm zurückgeben, aber da spürte ich schon wieder die scharfen Krallen der Rothaarigen, die mich nach vorne richteten. Hinter uns stand der hübsche Peruaner mit seiner Digicam und knipste unentwegt Fotos. Wieder prasselten Münzen an meine Fersen, ich legte jetzt den Käscher hin, damit die Leute wenigstens in die richtige Ecke werfen.  Ja, es war ein Wunder. Und die Menschen auf der Warschauerbrücke verstanden das auch. Immerhin dauerte der Ansturm seltsamer Rufe jetzt schon 15 Minuten lang an, und wir alle waren uns mittlerweile einig, dass die Rufe nicht menschlicher Natur sein konnten. „Stoh-ppperrrrr-steeek“. In den letzten 3 Minuten habe ich schon fast 4 Euro verdient. Ich überlegte mir, die Rothaarige zu fragen, ob wir denn nicht gemeinsam mit dem Programm auf Tour gehen könnten.Doch sie war völlig unansprechbar und schloss in tiefer Konzentration die Augen. Sie wartete auf eine Antwort, um dem Ostkreuz gegenüber nicht unhöflich zu sein.
Einer der Passanten, ein ca. 30 jähriger Glatzkopf im schwarzen Kapuzenpulli der norwegischen Death Metal Band „Wurgelwerga“, lief plötzlich aufgeregt im Kreis mit seinem Notizbuch und deutete den herumstehen aufgeregt, er habe die Lösung, er habe die Lösung,- die Lösung! Die Leute ließen ihn durch die Menschenmenge hin zur Mitte der Brücke und klopften ihm anerkennend auf die Schulter. Ich war überzeugt davon, dass nun „42,“ kommen würde… Alle Blicke richteten sich erwartungsvoll auf Wurgelwerga,- die Luft war zum Schneiden. Totenstille. Da räusperte er sich, schüchtern und setzte in einer eigenartig hohen Piepsestimme an ein kleines, zartes „webeleinstek….“ zu hauchen. Nichts passierte – „Sto-perrrrrrrr-stekkk“ dröhnte es immer gespenstischer werdend noch immer von drüben.
„Lauter!“, brüllte ihn eine alte gebückte Oma mit zur Verdeutlichung ihrer Intention, geschickt zwischen den Rippen des Glatzkopfes platziertem Gehstock an, „Lauter, Junge!“ Nochmals hob er an – und dröhnte, im Namen des Fürsten der Finsternis selbst noch ein „WEHH-BEEE-LLEIIN-STEEEKK!!!!!“ auf die andere Seite.
Totenstille. (Schon wieder)
In diesem Moment geschah das Unfassbare.. In Zeitlupentempo geriet ein gigantischer Baukran am Ostkreuz ins Wanken, ein kurzes, fragendes „….stoperstek?“ war noch zu hören und mit einem riesigen Krach begrub der Baukran die gesamte wehrlose S-Bahnstation Ostkreuz unter sich.
Mit vor Schrecken erstarrten Gesichtern umklammerten die Passanten auf der Warschauerbrücke fassungslos das Geländer und starrten Richtung Ostkreuz. Ich nutzte die Gelegenheit und lief rasch weiter. Mir wurde dieser Zirkus hier zu blöd. Immerhin lief gerade meine Lieblingsserie im Fernsehen:  „Fünfzehnminutenruhm“. Stinksauer wegen diesem bescheuerten Vormittag kam ich in der Wohnung an und hatte natürlich „Fünfzehnminutenruhm“ schon wieder verpasst. Schlammwanne.

Also verbrachte ich die Siesta mit meinem Lieblingsbuch, dem ungarischen Bestseller eines großartigen Schriftstellers und Biologen: Isvtan Gyula Törökszentmiklos az elsö Legszйbb Ember Ismeretlentöl mit dem Titel „Rohrlegerromantik“ und es versöhnte mich mit allem, was zuvor geschehen war. Ja, sogar mit dem Leben, dem Lieben und der Stadt. Was Poesie verband, soll der Mensch nicht trennen. Hier eine meiner Lieblingsstellen:

Aus “ Augenaufschlag aus Edelglas“
(von I. G. T. a. e. Legszйbb Ember Ismeretlentöl)
(…)
„- und euch alle da draußen will ich kollektiv unbewachen, aber nicht mittels höchstrichterlichem Einheitsstreicheln. In unserer Wesenlosigkeit sind wir alle gleich: hintergedankenlos. Sprich mir nicht von parlamentarisch regulierten Parkgebühren, mein geliebtes Blockflötengesicht, was ich will ist keine nachhaltige Grenzfestsetzung, auch keine nachträgliche und schon gar keine nachtragende.  Ich will dich in aller Demut unbewachen mit einem Augenaufschlag aus Edelglas, ein Leben lang.“

(Auf Ungarisch klingt das natürlich noch viel schöner)

I.G.T.a.e.L.E. Ismeretlentöls Werke haben eine so beruhigende Wirkung auf mich, dass es mir manchmal passiert, dass ich dabei einschlafe. So geschehen auch an diesem denkwürdigen Sonntag im März, als ich meine Verlierermentalität ablegen sollte, was ich natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ansatzweise ahnte. Ich schlief also ein. Es war so gegen 12:00 Mittags, eine durchaus im Rahmen liegende Zeit. Auch ehrenwerte Bürger gönnen sich manchmal am Tag des Herrn ein kurzes Nickerchen. Es war herrlich! So tief schlief ich, so seelenruhig. Herrlich. Bis ins hohe Alter hinein werde ich mich an diesen einen wunderbaren Mittagsschlaf erinnern, ein unvergleichlich schöner Schlaf, voller Seligkeit und Wärme, Geborgenheit und Ruhe. Ich fand zurück zu meinem wahren, viel feinsinnigeren Selbst, das philosophierende, das uneigennützige Selbst. Dank sei dem Schlaf. Ein Traum von Schlaf, mein Lieblingsschlaf. So gut hatte ich seit Monaten, Jahren oder Jahrhunderten nicht mehr geschlafen.  

„Es brennt!!“ – eine Stimme schreit mir ins Ohr. Meine Decke wird weggerissen. Plötzlich steht ein Mann (nackt) in meinem Wohnzimmer und schreit: „Was heißt das, unbewachen?! Was soll das heißen, verdammt noch mal?!!“ Ich war mir sicher noch zu schlafen, redete mir ein, das sei doch wieder  mal nur mein moralisch-hygienisches Gewissen, in Form eines nackten wohlgeformten Mannes,- völlig klarer Fall. Daher kuschelte ich mich wieder in den warmen Polster. Doch da zog mir der Depp den Polster weg und mein Kopf prallte auf die Bettkante. Da wurde ich wütend. Verdammt wütend.

 

°°°°The Wurmfischer’s Paradise°°°°   (To be continued)

 

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