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EURE WORTE – TEIL 7: Die Todesfuge

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THX!  😉

Wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends _wir trinken und trinken. Die Todesfuge, ich war einfach hineingeschlittert, blindlinks mit Rechtsdrall. Schwarze Milch der Frühe. In Überwurfgeschwindigkeit bin ich untergetaucht, der Mond stand hoch über unseren zitternden Körpern, die gerade vom Wasser des Nunkui geschluckt wurden,- das war das letzte, woran ich mich erinnern konnte. An bebendes Schilf, aus menschlichem Hoffen und Sehnen. Nun, meine Freunde, hat es sich ausgecomict.

Die schöne Reise sollte losgehen, Nico und Jбnos sind gerade losgefahren und ertrinken nun im Nunkui, noch bevor irgendein spinnater Schmetterling aka Kolibri gefunden werden konnte, noch bevor sich der Besuch verzupfen und die erste Orange gepflückt wurde, ist es aus. Das ist Teil 7. Zeit für einen Tod. Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt.
„Freiheit!“ hörte ich Jбnos schreien, als er bemerkte, dass das Wasser uns tiefer in die Mitte des Sees zog. Das klare Wasser, in das wir nackt, mit soviel Glücksgefühlen und Zufriedenheit eingetaucht waren, entpuppte sich als schwarze Milch. „Freiheit!“
Glitschig ist sie, verflüchtigt sich bei Beobachtung. Der See ist mit chemischen Giften der Mülldeponie versetzt. Das heilige Wasser vergiftet. Jбnos schreit noch immer „Freiheit!“ und will wissen, welche Substanz uns soeben tötet. Paraarabracadrabrosche,
DDT, PCB, Dioxane, Furane oder eine schöne Mixtur aus Hass, Gier, Neid und Eifersucht, wer weiß das schon. Mein Leben fliegt an mir vorbei, jede Sekunde, jeder Atemzug. Auf der Oberfläche des Sees spiegeln sich überlappend die Geschichten, die Bilder unseres Lebens, das Rauschen in den Ohren ist nicht der Druck des Wassers, sind nicht Jбnos’s Schreie, es sind alle Gedanken, derjenigen, denen ich begegnet bin, ich höre und spüre, was sie dachten, was sie sagten, was sie fühlten, während ich sagte, und fühlte und handelte, und mit Schrecken erkenne ich die Wahrheit.  Ein Flüstern, ein Stöhnen, mehr als klare Worte, ebenso die Bilder, sie flimmern, dreidimensional, ich befinde mich darin, nicht daneben. Längst Vergessenes sehe ich, das alles war auch ich. Diese Wiese, dieser Mund, diese Haut. Meine Beine, die nicht auf den Boden des Autos reichen, auch wenn ich sie ausstrecke, die Perspektive auf der Schulter des Vaters sitzend, so hoch, so weit, während er sich freute, am Leben zu sein, und ich nur daran dachte, nicht hinab zu stürzen. So viel Kleines wird groß, schillernd. Ich schäme mich für jede Lüge, jeden Hass, jeden Schlag, den ich ausgeteilt habe und ich sehe meine Hand oft fliegen in dem Film des Wassers, sehe sie hernieder preschen über die Köpfe der Menschen hinweg und am Ende ein Messer führen, das sich dem eigenen Herzen zu neigt. Jбnos grinst diabolisch. Er zieht mich näher zu sich und ich verliere die Töne und Bilder aus den Augen und sehe nur noch sein verzerrtes Gesicht, seine Reißzähne. Ich schließe die Augen, vergrabe mein Gesicht in seinem Nacken, um nicht mehr sehen zu müssen, und fest umarmt treiben wir wie eine Schraube hinein in den Wirbel inmitten des Sees. Die Todesfuge. Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts!
Im schwarzen Loch treiben Heere an uns vorüberi, es fliegen Bomben, es wird getötet, gequält, vergewaltigt und geraubt. Wir treiben durch Leichen, die schwarze Milch färbt sich rot. Er ruft spielt süßer den Tod, der Tod ist ein Meister aus Deutschland _er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft _dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng. Und wir drehen uns wie eine Doppelhelix ineinander verkettet rasend schnell. Um uns die Leichen ermordeter Unschuldiger und Schuldiger. Sie schreien und spielen ein Lied. Dunkle Streicher. Es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei. Der Tod ist kein Meister aus Deutschland, ein Cosmopolit, der wohnt in unseren Köpfen, sein Auge blitzt blau UND! schwarz zugleich, seine Augen sind die unseren. Wir sind der Meister aus Deutschland. Wir sind die Leichen aus Rauch, wir spielen und singen und schaufeln die Gräber,  unsere bleiernen Kugeln treffen genau. Jбnos’s Reißzähne fetzen ein Stück Fleisch aus meiner Schulter. Meine Krallen zerbrechen seine Rippen. In Lichtgeschwindigkeit treiben wir hinein in den Wirbel und zerfleischen uns dabei in Rage des Überlebenskampfes, der aus uns Bestien gemacht hat.  Schwarz!
Die Umklammerung zweier Sterbender, die noch Orangen pflücken gehen wollten. Schwarz! Jetzt zerfetzt uns die Todesfuge. Schwarz.

Plötzlich! Keine Bilder, Töne, nur noch Licht und undefinierbare Wärme. Licht. Nicht weiß, nicht orange, keine Worte mehr. Die Umarmung löst sich. Erst schrecke ich mich. Das ist Freiheit. Wärme. So ist es, wenn man stirbt? Ist das so? Grelles Licht, das nicht blendet?

Die Sonne brennt. Etwas zieht mich hinein in eine aufgehitzte Körperhülle. Ich öffne meine Augen – ja, ich habe noch, wieder, Augen, im Sand liegend versengt mich die Natur und neben mir ein weiterer angespülter Körper: Jбnos. Er atmet nicht. Ich kann mich nicht regen. Ich sehe, dass meine Hände wieder normal sind, keine Klauen, keine Krallen. Begreife aber nach einiger Zeit, als sich meine Ohren auch wieder öffnen und ich das Rauschen des Windes im Schilf hören kann, dass ich die Todesfuge überlebt habe und die Nacht dem Tag gewichen ist. Er atmet nicht!  „Jбnos!“, versuche ich zu schreien, dabei kommt nur ein krächzender Ton aus meinem Mund, sehr leise, ich versuche es mehrmals. Nichts. Tränen rinnen über meine Wangen. Er rührt sich nicht. Er darf nicht tot sein. Das darf nicht sein.
Mit aller Kraft versuche ich einen Arm zu heben und ihn zu berühren. Es geht nicht. Meine Gliedmassen gehorchen mir nicht. Ein Schluchzen durchzieht mich völlig besinnungslos. Er ist tot. Ich versuche mich mittels Gewichtsverlagerung im Sand zu rollen. Es geht nur mit höchster Konzentration. Ich schaffe es, nach cirka einer halben Stunde den Meter zu ihm rüber gerollt zu sein und meine Schulter berührt seinen eiskalten, bläulichen Arm. Ein Vogel landet am Ufer. Mir entschwindet langsam das Bewusstsein. Da bebt die kalte Schulter. Eine Gänsehaut. „Mit dir geh ich nicht mehr schwimmen.“ seufzt er mit einem Schmunzeln und schläft sofort wieder ein. Mein Kopf kippte auf seine Schulter und ich verlor wieder das Bewusstsein.

Ich weiß nicht, wieviele Stunden später ich die Augen wieder öffnete, weil ein mir bekanntes Geräusch, dass ich so sehr hasse, wie kaum etwas auf der Welt – eine mehrstimmige Sonate eines Estoy Durmiendo – mich aus der Versenkung riss. Drecksviecher.  Überall findet man sie anscheinend. Von wegen selten. Und natürlich war diese fliegende Mistratte auch sofort wieder still, als ich aufgewacht war. Aber wo war Jбnos? Er war weg. Ich rief. Keine Antwort. Das war ja wirklich unglaublich, so ein Höllentrip, dann wacht man endlich mit halbwegs klarem Kopf wieder auf und was ist? Der missmutige Soziopath hat sich aus dem Staub gemacht, irgendwo in der Pampa, irgendwo am Nunkui. Wo ist der Jeep? Nun gut. Ich wickelte mir Schilf um den Körper und machte mich auf den Weg Jбnos und den Jeep zu suchen, denn wir wurden ja an ganz anderer Stelle wieder angespült, als wir ins Wasser gestiegen waren. Die Abdrücke seines Körpers im Sand neben mir waren noch da. Fußspuren führten ins Dickicht. Kaum wieder am Leben und schon hat man wieder Stress. Schlammwanne.

 

(To be continued) 

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