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Fawwaz Haddad: „Gottes blutiger Himmel“

Aufruhr, Bürgerkrieg, soziale und politische Missstände und Unter­drückung sind der beste Nährboden für das Terrornetzwerk Al-Qaida, konstatiert Fawwaz Haddad, Syriens bekanntester und erfolgreichster Schriftsteller, der kürzlich auf Lesereise in Deutschland war und für den Rückert-Preis nominiert ist, der im Juni in Coburg vergeben wird. Gast in Deutschland zu sein, das hat für Haddad trotz aller Ehren und Einladungen nichts Beruhigendes.

Der Grund dafür ist denkbar simpel. Obwohl Syrien, aus dem er zwischenzeitlich nach Doha floh, weit entfernt ist, ist das Schicksal seines Heimatlandes hierzulande auf eine für ihn befremdliche Weise allgegenwärtig. Die Medien, sagte er jüngst in einem Interview, berichten täglich über das Assad-Regime, über sein Treiben und Töten, aber alles scheint hier nur als Zahlen präsent: „Es werden ganze Familien und Städte ausgelöscht, aber der Westen sieht das nicht und bleibt eines Handelns schuldig.“ Beste Bedingungen für die Dschihadisten, die als „Heilsbringer“ für das einfache Volk vermehrt ins Land strömen und so ihre Herrschaft ohne große Gegenwehr aufrichten.

Die Dschihadisten und Al-Qaida, das ist auch das große Thema von Haddads neuem und viel beachtetem Roman „Gottes blutiger Himmel“. Viel beachtet, weil er im Irak spielt und vor der Revolution Syriens geschrieben wurde, aber seine Schatten unheilvoll vorauswirft. Der Vater hat seinen Sohn den anderen überlassen – allein dieses Leitmotiv wirkt wie eine Beschwörung der jetzigen Zustände Syriens. Der linksradikale Ich-Erzähler erlebt mit, wie sich sein Sohn Samer, der doch ganz nach dem Vorbild der Eltern erzogen wurde, den Mächten des Terrors überantwortet. Sein Leben riskierend, folgt er Samer von Damaskus in den Irak, um ihn umzustimmen und zurückzuholen. Vergeblich. Samers ­pazifistische Gesinnung hat sich unter dem Prägestock des Al-Qaida-­Führers az-Zarqawi in blinden Fanatismus verwandelt.
Die Tour de Force durch den Irak entwickelt sich für den Vater zum Trauma. Was auch für den Leser gilt, den Haddad, der 1947 in Damaskus geboren wurde und dort Jura studierte, kompromisslos durch seinen Roman treibt. Lektüre, die wachrüttelt und zur Reflexion zwingt. Im besten Wortsinn.  

Text: Andreas Burkhardt
Cover: Aufbau_Verlag
tip-Bewertung: Lesenswert


Fawwaz Haddad: „Gottes blutiger Himmel“
Aus dem Arabischen von Günther Orth, Aufbau, 352 Seiten 22,99 Ђ

 

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