Bücher

Festschriften für Weihnachten

Jesus

Paul ist Mitglied im kalifornischen „Jesus-Seminar“, wo Theologen darüber diskutieren, inwieweit der Sohn Gottes auch nur Mensch gewesen ist. Paul ist aber nicht irgendein Paul, sondern Paul Verhoeven, Regisseur von „Robocop“, „Basic Instinct“ und „Total Recall“. Das sollte man nicht gegen ihn verwenden. Auch wenn er in seiner klugen Analyse des Neuen Testaments gerne über „Spin“, Drehbücher und Spezialeffekte schreibt, auf die die „Redakteure“ der Bibel in ihrer Geschichtsschreibung zurückgegriffen hätten. Verhoeven will seiner Regisseur-Rolle nicht krampfhaft entfliehen, das macht ihn sympathisch. Sein Urteil: Jesus ist tot. Sein Geist ist vernichtet, genau wie der Geist Einsteins oder Mozarts. Eine physische Auferstehung hat nie stattgefunden.
Paul Verhoeven, „Jesus: Die Geschichte eines Menschen“, Pendo, 304 Seiten, 19,95
Für: Bibelinteressierte, die sich vorstellen könnten, dass Jesus …

Die Karte meiner Träume

Wir lesen: „Das Schaukelpfad regte sich nicht.  Das Zimmer regte sich nicht.“ Am linken Seitenrand sehen wir die schöne Zeichnung eines Schaukelpferds, darunter der Tagebucheintrag: „Oh, es fehlt mir.“ Reif Larsens „Die Karte meiner Träume“ ist mehr als ein Roman. Es ist das Tagebuch eines 12-jährigen Jungen, der seinen Aufbruch von einer Ranch und die Reise in die Stadt mit allerlei Zeichnungen, Karten und Diagrammen versehen hat, die widerspiegeln, was in einem jungen Menschen vorgeht, wenn ihm viele Worte fehlen. Selten wurde Adoleszenz so phantasievoll geschildert.
Reif Larsen, „Die Karte meiner Träume“, S. Fischer, 435 Seiten, 22,95 Euro.
Für: Kartenleser und solche, die zwischen den Zeilen lesen wollen.

Klassiker der Filmmusik


„Sanguis bibimus, corpus edimus, tolle corpus Satani, ave!“. Nein, bei diesem Choral handelt es sich, man ahnt es schon am „Satani“, nicht um die Lobpreisung Gottes. „Ave Satani“ stammt aus Jerry Goldsmiths Soundtrack „Das Omen“. Wir erfahren vom Musikwissenschaftler Peter Moormann, dass Goldsmith „Glissandi heulen“ ließ, kombiniert mit der „Flatterzunge der Flöte“. Man muss das nicht verstehen, den Zauber der Musik verdeutlicht Moormann durch konkrete Szenenbezüge samt Notenabbildungen. „Jaws“ ist dabei, Moroders „Midnight Express“ und „Conan der Barbar“ – über James Horners unangenehm süßlichen „Titanic“-Score lässt sich streiten. Aber das ist ja gerade der Sinn eines Kanons.
Für: Cineasten. Und diejenigen, die am Klavier unter dem Weihnachtsbaum Höllisches intonieren möchten.
Peter Moormann (Hrsg.), „Klassiker der Filmmusik“, Reclam, 309 Seiten, 880 Seiten

Bonbon aus Wurst

Keiner hat ihn je besser charakterisiert als Friedrich Küppersbusch: „Helge Schneider siedelt an der Nahtstelle zwischen selbstgedrehtem Joint und Vaters Korn“  (oder so ähnlich). Schneider vereint die Coolness des Rebells mit dem Traditions- und Heimatbewusstsein der Elterngeneration aus dem Ruhrpott, in der statt „Jazz“ noch „Jatz“ gesagt wurde. Noch besser als die Buch-Autobiographie ist deshalb das Hörbuch, in dem Schneider unbeschreiblich lustig den Jazz-Proletarier, Superstar, Schlittenunfallkind, gehörnten Ehemann und Sprachinvaliden gibt, so dass man ihm den ausnahmsweise schlechten Witz („Ihr Vater war Graf. Pornograf“) gerne nachsieht. Er ist eben einfach besser „wie“ alle anderen.
Helge Schneider, „Bonbon aus Wurst“, Roof Music, 19,95 Euro

Handbuch der Fantasykunst


John Howe hat Humor. „Zeichnungen können mit so ziemlich allem angefertigt werden, was man halten kann“, schreibt er in „Handbuch der Fantasykunst“, in dem er Schritt für Schritt anleitet, wie man ein surreales Bild malt. Nur: So großartig malen wie der „Herr der Ringe“-Filmillustrator, das kann man nicht so einfach lernen. Die Fantasie muss man erst mal haben. Eine schöne Werkschau ist der Bildband, mit seinen Türmen, Wäldern und Fabelwesen allemal. Howe macht die Illusion glaubhaft. Oder, wie Terry Giliam im Vorwort schreibt: „Er versteht das Moos. Er weiß, dass Steine eine Seele haben.“
Für: Rollenspiel-Freaks, „Herr der Ringe“-Fans, Nerds und solche, die schon im Kunstunterricht gerne Grenzen übertreten haben.
John Howe, „Handbuch der Fantasykunst“, Heel, 121 Seiten, 19.95 Euro.

Jenseits

Welche Vorstellungen haben Kinder vom Jenseits? Was träumen wir, wenn wir Angst haben? In ihrem Graphic Novel „Jenseits“ erzählen Fabien Vehlmann sowie Marie Pommebuy und Sйbastien Cosset alias Kerascoet die märchenhafte, mit vielen versteckten Bedeutungen versehene präsexuelle Geschichte von einer Gruppe Kinder, die sich in einem Wald ihre Zeit mit Versteckspielen versüßen, und sei es in der Augenhöhle einer toten Riesin. Man versteht nicht alles, aber was man sieht ist hinreißend.
Kerascoet & Fabien Vehlmann, „Jenseits“, Reprodukt, 96 Seiten, 18 Euro
Für: Märchenleser, die eben nicht immer verstehen wollen, wofür genau jedes Symbol steht.

Die Arena
 
Der Inhalt von „Die Arena“ liest sich zunächst so, als hätte Stephen King beim „Simpsons“-Kinofilm abgeschrieben: Eine Stadt – aber nicht Springfield – wird durch eine Kuppel komplett von der Außenwelt abgeschnitten, keiner kommt mehr raus. King sagt, und das glauben wir dem sonst so schnellen Schreiber ausnahmsweise mal, er habe seit Jahrzehnten an der „Arena“ gearbeitet. Ist auch egal. Er, der den Teufel in so Unterschiedlichem wie Autos, Bernhardinern, Gemälden und Clowns entdeckte, wird uns mit seiner Parabel über unfreiwillige Quarantäne sicherlich erneut überraschen. Vielleicht ja auch mit Reflektionen über das Alter, denn darin wird er immer besser.
Stephen King, „Die Arena“, Heyne, 1280 Seiten, 26,95 Euro.   
Für: Eremiten, Schweinegrippe-Ängstliche und Besserwisser, die King mit Homer Simpson vergleichen wollen.

Der Krieg des Achill

Im Kampf um Troja hat Achilles seinen Widersacher Hektor getötet. Denn Hektor brachte zuvor Achilles Vetter Petroklos um. Achilles hatte also seine Revanche. Triumphiert er?  Keineswegs. Die „Ilias“ ist keine Heldengeschichte, sondern die Geschichte der Toten, der sinnlos Getöteten, ja, eine Anklage gegen den Krieg überhaupt. So interpretiert Caroline Alexander, die bereits den epischen Stoff der „Meuterei auf der Bounty“ bearbeitete, Homers Sage neu. Der tragische Hektor, er hatte nie eine Chance.
Caroline Alexander, „Der Krieg des Achill: Die Ilias und ihre Geschichte“, Berlin Verlag, 318 Seiten, 24,90 Euro.
Für: Geschichtsinteressierte, die sich nicht immer nur mit Sandalenfilme weiterbilden möchten.

The Rest is Noise

Strauss, Mahler und das Fin de Siecle. Gershwin. Berlin den Zwanzigern. Gestische Musik? Zwölftonmusik! Appalachian Spring, Radikale Rekonstruktion: Boulez und Cage. Ligeti. Bepop. Sonic Youth. 687 Seiten umfasst „The Rest is Noise – das 20. Jahrhundert hören“ von Alex Ross, dem Musikkritiker des „New Yorker“.  Nun, wer Ross‘ These „Das überkompakte Zwölftonmaterial von Weberns Klaviervariationen mutiert im Laufe von ein oder zwei Generationen zu La Monte Youngs „Second Dream of the High-Tension Line Stepdown Transformer“ bereits versteht, muss das Buch nicht lesen. Ansonsten: Pflicht.
Alex Ross, „The Rest is Noise“, Piper, 687 Seiten, 29,95 Euro.
Für: Musikhörer, die sich an Neue Musik noch nicht recht herangetraut haben.

Endloses Bewusstsein

Wenn jemand kurz vor dem Sterben ist, feuern die Gehirnneuronen, was das Zeug hält: So, erklären Neurologen, entstehen Nahtoderfahrungen б la „Ich sehe das Licht“. Was aber, wenn Nahtoderfahrene nach ihrer Rückkehr ins Leben von Dingen berichten, die sie gar nicht wissen dürften? Etwa von einem himmlischen Treffen mit dem verstorbenen Opa, den sie nun exakt beschreiben, aber nie kennen gelernt hatten? Genau das bringt einen zum Nachdenken. Anhand wissenschaftlicher Befunde – vor allem Interviews – erklärt der Kardiologe Pim van Lommel, dass es ein Bewusstsein gibt, das nicht körpergebunden und dauerexistent ist. Das kann Gott bedeuten. Wer nicht daran glaubt, erhält dennoch einen faszinierenden Einblick in den schmalen Korridor, der vom Leben zum Tod führt.
Pim van Lommel, „Endloses Bewusstsein: Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung“, Patmos, 456 Seiten, 24 Euro.

Vom Fleck weg

Haushaltstipps stehen zwar in jeder Hausfrauenzeitschrift, selten aber waren sie so stilvoll – mit schicken Schwarz-Weiß-Zeichnungen von so banalen Dingen wie beispielsweise Schrubbern – illustriert als auch praktisch kategorisiert wie in Erica Matiles (Sammlung) und Cecilй Grafs (Gestaltung) Ratgeber mit „1000 Tipps und Tricks für unser tägliches Leben“. Die Haushaltstipps sind jahrzehntelang erprobt, ökologisch sinnvoll und beziehen Recycling mit ein. Heute wird ja alles weggesprüht und powergecleant, damals waren man auf Einfallsreichtum angewiesen. Weiße Wäsche waschen? „Diese wird strahlend weiß und fleckenfrei, wenn man ihr beim Waschen Zitronenscheiben beifügt“. Wer sagt’s denn. Geht auch ohne „Weißer“.
Erica Matile, „Vom Fleck weg“, Salis, 206 Seiten, 19,90 Euro.
Für: ökobewusste Hausmänner/-frauen, die nicht immer alles aus der „Für Sie“ ausschnippeln wollen.

J Robert Oppenheimer

Was für ein Wurf. Knapp 30 (!) Jahre haben die Autoren Kai Bird und Martin J. Sherwin an ihrer Biografie über den „Vater der Atombombe“ recherchiert, Interviews mit der Familie geführt, sowie tausende FBI-Aktien und Verhörprotokolle ausgewertet. Der Physiker wurde in den Fünfzigern in seiner Heimat USA als Antikommunist denunziert, weil er die noch schlimmere Waffe, die Wasserstoffbombe, ablehnte.  20 Jahre lang überwachte ihn der Geheimdienst, ohne ihn als Spion überführen zu können. Das spannende Porträt zeigt Oppenheimer als knallharten Strategen („Was ist, wenn die Nazis sie als Erste haben“?), der nach Hiroshima und Nagasaki zum ebenso leidenschaftlichen Befürworter der Atomwaffenkontrolle wurde. Das machte ihn verdächtig.
Kai Bird, Martin J. Sherwin, „J. Robert Oppenheimer: Die Biographie“, Propyläen-Verlag, 672 Seiten, 29,95 Euro.
Für: Atombombengegner (sie werden bestätigt) und Atombombenbefürworter (sie werden eines Besseren belehrt).

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