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„Finito. Schwamm drüber“ von Kathrin Schmidt

JerzyIrgendwie haben sie sich eingerichtet, die Figuren in Kathrin Schmidts Erzählungen. Glück wäre zu viel verlangt. Sie leben meist zurückgezogen am Rande der Gesellschaft und halten ihr Leben, so gut es geht, im Gleichgewicht. Zum Beispiel die ehemalige Sparkassenangestellte Frau Ypsi, die Mitte 50 ist, am Existenzminimum lebt und auf die Rente wartet. In der Tageszeitung, die sie aus einem Papierkorb fischt, stößt sie auf die „Heiratsanzeige“ des gleichaltrigen Viet­namesen Lon. Sie imaginiert sich ein Leben an dessen Seite, und am Ende kommt natürlich zusammen, was zusammengehört. Aber vielleicht spielt sich das alles auch nur im Kopf der Selbstgespräche führenden Protagonistin ab. Der Ausbruch aus dem Ehealltag einer Zwillingsmutter in einer anderen Geschichte wirkt ja auch wie eine erotische Fantasie. In derselben Nacht stirbt, wie zur Strafe, die Mutter der Ich-Erzählerin. Doch oft gehen Kathrin Schmidts Erzählungen besser aus, als man das bei einem Personal, das zum Großteil aus prekären Verhältnissen stammt, vermutet. Die begehrte Kellnerin aus der Pizzeria erwartet bereits ihren heimlichen Verehrer von der anderen Straßenseite. In der Titelgeschichte erhält ein während des Jugoslawien-Krieges desertierter bosnischer Offizier nach vielem Hin und Her mit falschen Papieren und Demütigungen doch noch Asyl.

2009 hatte Kathrin Schmidt für ihren Roman „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis erhalten. Darin verarbeitete sie ihre eigene Geschichte. Nach einer Hirnblutung war die fünffache Mutter halbseitig gelähmt und litt unter einer Aphasie, einer Sprachlosigkeit. Mühsam lernte sie wieder zu laufen und zu sprechen. Die 31 Geschichten zeigen sie nun auf der Höhe ihres erzählerischen Könnens. Lakonisch, sinnlich und nur auf wenigen Seiten erzählt sie darin von Einsamkeit, Tod, Liebe, Sex, Generationskonflikten – von den alltäglichen Dramen, die sich in der Nachbarschaft abspielen, wo nur wenige bemerken, wenn jemand einfach verschwindet, jemand wie der alte Brendel in der Geschichte „Brendels Weg nach Molauken“, die mit dem großartigen Satz beginnt: „Brendel, der alte Wumsbart, war wieder unterwegs.“

Text: Ralph Gerstenberg

Foto: Jerzy / pixelio.de

tip: Herausragend

Kathrin Schmidt: „Finito. Schwamm drüber“ Erzählungen, Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten, 17,95?Ђ

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