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Sebastian Fitzek im Interview

Sebastian Fitzek

tip Sind das Themen, die ihre Leser rückkoppeln?
Sebastian Fitzek Ja. Ich habe im Vorfeld der Veröffentlichung von Noah gesagt: Vorsicht, das ist jetzt nicht der klassische klaustrophobische Psycho-Thriller, den man von mir vielleicht erwartet. Trotzdem kam das Buch sehr gut an.

tip Die Leser werden aber ohne Patentrezept entlassen.
Sebastian Fitzek Ich hab in meinem Nachwort deutlich gemacht, dass ich keine Lösung anbieten kann und mich manchmal so verhalte wie der Arzt, der anderen Leuten sagt, sie sollen aufhören zu rauchen und sich dabei eine Zigarette ansteckt. Trotzdem ist der Satz „Hören Sie mit dem Rauchen auf“ richtig. Ich will die Menschen nicht belehren und habe auch kein Recht dazu. Wenn, dann muss ich bei mir selbst anfangen. Zum Beispiel kaufe ich keine Plastiktüten mehr, habe meinen Fleischkonsum eingeschränkt und werfe Lebensmittel nicht alleine deshalb auf den Müll, nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Dennoch bin ich weit davon entfernt, ein richtiges Vorbild zu sein.
Ich denke, das, was Unterhaltungsliteratur kann, ist ein Problembewusstsein zu schaffen, damit die Leserinnen und Leser sich mit diesen Themen auseinandersetzen, Dinge vielleicht in eine gewisse Ordnung bringen, Zusammenhänge schildern, um dann auch zu sagen: Es ist nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Sebastian Fitzektip Dies gilt auch für die Psychopathen in Deinen Büchern, die sich den Klischee-Vorstellungen widersetzen. Angefangen beim Geschlecht. Warum sind die Killer in den meisten Thrillern männlich?
Sebastian Fitzek Tatsächlich ist es statistisch so, dass es einen deutlichen Überhang weißer Männer bei Serienkillern gibt. Aber Thriller-Autoren schreiben eh über die Ausnahmen. Das ist so wie in den Nachrichten. Da höre ich ja morgens auch von dem Unfall auf der Stadtautobahn und nicht von den hunderttausend Verkehrsteilnehmern, die pünktlich ihre Arbeit erreicht haben. Beim Schreiben interessieren mich die Auffälligkeiten, die Ausnahmen, gerade in der menschlichen Psyche, wobei diese Ausnahmen zumindest in der Theorie her möglich sein müssen, sonst wäre es kein Thriller sondern Fantasy.
Dem Schweigen der Lämmer zum Beispiel wurde mitunter der Vorwurf gemacht, unrealistisch zu sein, da in dem Buch ein Transvestit als Serienmörder dargestellt wird und Transvestiten sind in der Regel tatsächlich die friedliebendsten Menschen überhaupt. Mit anderen Worten: diese Konstellation ist nicht sehr wahrscheinlich. Sie ist aber nicht unmöglich und hat daher in einem Unterhaltungsroman ihre Berechtigung.

tip Es gab in Beelitz: den sogenannten „Rosa Riesen“. Ein nekrophiler Serienkiller, der auch Transvestit ist.
Sebastian Fitzek Ja, genau! In der Realität gibt es kaum ein menschliches Verhalten, was undenkbar ist. Wenn wir zum Beispiel an prügelnde Schläger denken, dann haben die meisten von uns vermutlich Männer vor dem geistigen Auge. Es gibt aber sehr wohl auch weibliche Schlägerbanden, wie wir zuletzt wieder in den Nachrichten und in grauenhaften YouTube Videos gesehen haben.

tip Erschrickst Du manchmal vor den eigenen Figuren?
Sebastian Fitzek Ich erschrecke mich eher davor, dass ich einige meiner dunkelsten Figuren streckenweise sympathisch finde. Hier geht es mir wie vermutlich jedem Leser: Eine Figur berührt mich dann, wenn sie nicht eindimensional ist. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als es um die Filmrechte für „Die Therapie“ ging, wollte kein Sender etwas mit einer negativen Hauptfigur zu tun haben. Da wurde ich gefragt, ob ich nicht einen anderen Stoff mit einer starken, positiv besetzten Frauenfigur für hätte. Seit Breaking Bad und True Detective oder Dexter sagen die Redakteure aber nun auf einmal, sie würden negative oder zumindest ambivalente Hauptfiguren suchen. Ich halte dieses „wir brauchen jetzt irgendwas-Denken“ übrigens für totalen Mumpitz. Das einzige, was wir brauchen, sind gute Geschichten mit außergewöhnlichen Charakteren. Mit vielen meiner Figuren, selbst mit den bösen, würde ich übrigens gerne mal ein Bier trinken gehen. Mit denen sogar am liebsten.

tip Das zeugt von großer Empathiefähigkeit.
Sebastian Fitzek Das ist der Fluch von uns Autoren, die auch im realen Leben vielen Menschen Empathie entgegenbringen können. Das macht es manchmal so schwierig, eine geradlinige Meinung zu vertreten. Ich erinnere mich an ein Erlebnis aus der Rechtsmedizin. Ich war bei der Obduktion eines Säuglings dabei. Die Diagnose lautete, dass das Kind zu Tode geschüttelt wurde. Ich habe mich später erkundigt, ob der Vater bestraft worden sei. In der Verhandlung gab er zu: „Ja, ich habe mein Kind geschüttelt. Als ich es reglos im Bett fand und mein Junge nicht atmete hab ich ihn hochgehoben und voller Panik geschüttelt, eine verzweifelte Kurzschlusshandlung, um ihn wieder wach zu bekommen.“ Hier sagte mir der Rechtsmediziner, er sei sehr froh, dass er zu diesem Fall nur die Fakten liefern aber nicht entscheiden musste.
Und auf einmal gilt meine Empathie dem Richter, der plötzlich den Anfeindungen der Öffentlichkeit ausgesetzt ist, weil er den Vater freigesprochen hat. Das ist das Schwierige in der oben schon erwähnten, flüchtigen Mediengesellschaft: Für den Richter ist es unheimlich schwer in aller Ausführlichkeit darzulegen, wie es zu dem Urteil gekommen ist. In einem Roman kann ich die Hintergründe auserzählen.

Interview: Ronald Klein

Video: Martin Zeising

Foto oben: Fine Pic, München

Foto unten: Volkmar Otto / Raschke Entertainment GmbH / Fitzek

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